Interview mit Matthias Fromm: „In Deutschland fehlt es an Grundoffenheit gegenüber Open Science“

Matthias FrommMatthias Fromm lebt, studiert und arbeitet in Berlin und zu einem nicht geringen Teil im Internet. Beruflich beschäftigt er sich vor allem mit dem Einsatz von Medientechnologien im Bildungssektor und der Kommunikation in den Bereichen IT und Wissenschaft. Privat bloggt und podcastet er neben Wissenschaftskommunikation über verschiedenste andere Themen, seit Januar diesen Jahres betreibt er zum Beispiel das Open Science Radio. Wir sprachen mit ihm über seine Erfahrungen mit dem Wissenschaftsbloggen, Open Science und Wissenschafts-Crowdfunding.

Inwiefern nutzt die Wissenschaft das Potential des Internets?

Nun ja, zunächst einmal ist es schwierig von "der" Wissenschaft zu sprechen, denn "die" Wissenschaft ist alles andere als homogen. Ganz im Gegenteil, wir sprechen von einer Teilöffentlichkeit der Gesellschaft, die sehr heterogen aufgestellt ist, unterschiedlich organisiert und finanziert wird und vor allem auch partikuläre Interessen verfolgen kann. All diese Punkte haben natürlich einen gewissen Einfluß auf den Arbeitsalltag innerhalb der entsprechenden wissenschaftlichen Einrichtungen. Vor allem aber sprechen wir von sehr unterschiedlichen Menschen in den wissenschaftlichen Organisationen, die zu einem Großteil zunächst einmal für sich selbst entscheiden, wie sie arbeiten, forschen oder kommunizieren wollen.

Wie in vielen anderen Lebensbereichen, hat das Internet auch in die Wissenschaftswelt Einzug gehalten und ist mittlerweile daraus nicht mehr wegzudenken - zumal vieles im Internet einen wissenschaftlichen Ursprung hat (so bspw. das World Wide Web das als Projekt an der Forschungseinrichtung CERN entstand). Dennoch sind wir noch fernab von dem Punkt, an dem wir sagen könnten, dass die Wissenschaft das Potential des Internet auch wirklich ausschöpft. Ich glaube man muss nicht mehr großartig erklären, dass das Internet als Kommunikationsbasis in der Wissenschaft mittlerweile eine ähnlich essentielle Rolle spielt wie in der Wirtschaft. Auf die E-Mail, aber auch auf Videokonferenzen möchte heutzutage kaum jemand mehr verzichten. Hinzu kommt der Aspekt der breiteren Vernetzung, der zusehends auch für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wichtig wird. Das kann sowohl innerhalb als auch außerhalb der eigenen peer group stattfinden und Soziale Netzwerke wie beispielsweise ResearchGate bieten der Wissenschaft genau dafür eigene Plattformen.

Ein Aspekt, der gerade über die vergangenen Jahre hinzugekommen und sukzessive an Bedeutung gewonnen hat, ist das Potential, das das Internet als Medium für Wissenschaftskommunikation bietet. Früher war die aktive Kommunikation über wissenschaftliche Themen in weiten Teilen speziellen Abteilungen (PR und Öffentlichkeitsarbeit) oder Dienstleistern (PR-Agenturen) vorbehalten, die im Auftrag der Wissenschaftsorganisationen die Kommunikationsaufgaben maßgeblich wahrgenommen haben. Das dürfte unter anderem der Tatsache geschuldet gewesen sein, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die selbst öffentlichkeitswirksame Kommunikationsarbeit leisteten, nicht selten als Selbstdarsteller verpönt waren. Das hat sich aus meiner Sicht in den letzten Jahren verstärkt gewandelt. Wir sehen immer öfter, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst in irgendeiner Art Kommunikation betreiben. Ob sie nun im Rundfunk, oder den Printmedien in Interviews zu Wort kommen, selbst bloggen, twittern, populärwissenschaftliche Vorträge halten oder sich in Kinderunis engagieren - die Wege sind vielfältig über die wissenschaftlich arbeitende Menschen mit ihren populären Zielgruppen in Kontakt treten.

Natürlich lässt sich auch das nicht einfach verallgemeinern. Es ist noch immer nicht einfach ein Verständnis für solche Aktivitäten bei allen Beteiligten im Wissenschaftssystem fest zu verwurzeln. Immer wieder hört man kritische Argumente, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Zeit (oder auch das Geld) lieber in ihre Forschung investieren sollten. Aber auch nicht wenigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist es noch nicht klar, warum sie zusätzlich Aufwand und Zeit in die Kommunikation investieren sollten, solange diese nicht auf ihre wissenschaftliche Reputation einzahlt. Hier stehen wir also nach wie vor in weiten Teilen vor einem Akzeptanzproblem innerhalb der Wissenschaft. Dennoch, es gibt zunehmend mehr gute Beispiele von wissenschaftlichen Organisationen und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die es verstehen das Internet und die zur Verfügung stehenden Plattformen, Kanäle und Werkzeuge für ihre Kommunikation zu nutzen und darüber nicht nur die althergebrachte Aufgabe der öffentlichen Legitimation ihrer Mittelverwendung zu betreiben, sondern vor allem den Spaß, die Faszination, aber auch die Herausforderungen ihrer Arbeit zu vermitteln und der Öffentlichkeit ein authentisches Bild ihrer Arbeit zu beschreiben. Gerade letztere Aufgaben sind vor allem im Wettbewerb um den Nachwuchs in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen.

Ein zweites großes Feld innerhalb der Kommunikation würde ich unter dem Schlagwort Internet als Publikationsplattform aufmachen. Das Internet bietet der Wissenschaft nicht nur ein Kommunikationsmedium für öffentlichkeitswirksame Kommunikation an, sondern auch für die wissenschaftliche Fachkommunikation. Während wissenschaftliche Publikationen früher nahezu ausschließlich in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht wurden und damit oft nur begrenzt zugänglich waren (aufgrund schwieriger Verfügbarkeit, hoher Kosten, etc.), bietet das Internet mittlerweile diverse Möglichkeiten, wissenschaftliche Publikationen elektronisch und damit zumindest technisch leichter zugänglich zu veröffentlichen. Das passiert zum Großteil noch immer in "klassischen" wissenschaftlichen Fachzeitschriften, zunehmend aber auch in Journalen, die frei zugänglich sind (Open Access Journals), in unterschiedlich gearteten Repositorien oder auf den Websites der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst. Damit erhöht sich potentiell zumindest die Verfügbarkeit und Zirkulation wissenschaftlicher Informationen, wenngleich die Menge der zugänglichen Informationen auch immens wächst und eine weiterreichende Verbreitung von wissenschaftlichen Publikationen nicht automatisch mehr Aufmerksamkeit für den einzelnen Beitrag bedeuten. Neben Plattformen für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Publikationen wie Fachartikel oder Monographien können wir aber auch eine zunehmende Entwicklung hin zur Veröffentlichung von wissenschaftlichen Daten (bspw. Rohdaten) beobachten. Solch öffentlich verfügbare Daten können wiederum der Reproduzierbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse dienen, in anderen Projekten Verwendung finden, oder auch der Wirtschaft zur Nutzung zur Verfügung stehen.

Ein drittes großes Feld neben der Kommunikation, wenn auch nicht davon losgelöst, würde ich unter dem Aspekt Internet als Kollaborationsplattform fassen. Es gibt mittlerweile eine Reihe von Plattformen und Werkzeugen, die uns im Internet zur Verfügung stehen und für die Zusammenarbeit innerhalb von Forschungsprojekten genutzt werden können. Das fängt aus meiner Sicht bei solchen Dingen wie dem Grid Computing an und geht über Tools zum Teilen wissenschaftlicher Daten (z.B. Figshare, Open Science Framework), deren Verarbeitung (z.B. rOpenSci), bis hin zu Plattformen für das gemeinsame Arbeiten an wissenschaftlichen Publikationen.

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Ein zunehmend spannender Aspekt sind partizipative Tools, die auf die Beteiligung der Crowd ausgelegt sind. Dabei kann es zum einen ums Mitmachen bei wissenschaftlichen Projekten gehen, wie bei der Sammlung und Auswertung von Forschungsdaten innerhalb von Citizen Science Projekten (z.B. bei Projekten auf Zooniverse oder SciStarter). Zum anderen kann es aber auch um die gemeinschaftliche Finanzierung von wissenschaftlichen Projekten gehen, wie es im Fall von wissenschaftlichen Crowdfundingplattformen wie Sciencestarter oder Petridish der Fall ist. Mit immer ausgereifteren Tools und hoffentlich entstehenden Standards werden all diese Bereiche in Zukunft sicher eine wachsende Bedeutung erhalten und zu einer noch höheren internationalen Vernetzung und Zusammenarbeit der Wissenschaft führen. Ich denke, hier stehen wir noch immer ziemlich am Anfang und es dürfte noch ein weiter und manchmal schwieriger Weg sein, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Möglichkeiten, Chancen, aber auch Herausforderungen verständlich zu machen. Hier sehe ich übrigens eine klare Aufgabe für die Wissenschaftsorganisationen - Ressourcen zu schaffen, die hier den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern entsprechend Beratung und Unterstützung zukommen lassen. Vielleicht ist das auch eine Aufgabe, die Kommunikationsabteilungen in Zukunft stärker für sich entdecken und übernehmen?

Neben all den verschiedenen Werkzeugen und Plattformen die das Internet für die Wissenschaft bereit hält, möchte ich zum Schluß aber einen Punkt nicht unerwähnt lassen. Das Internet selbst ist natürlich ein schier unendlich weites Untersuchungsobjekt, sei es in technischer, rechtlicher, politischer, sozialer, oder wirtschaftlicher Hinsicht. Die Mechanismen die sich im Internet mittlerweile etabliert haben, aber auch jene die sich noch herausbilden werden, dürften ausreichend "Forschungsstoff" für die kommenden Generationen von Wissenschaftlern bieten.

Welche Erfahrungen hast du mit dem Wissenschaftsbloggen gemacht?

Kurz gesagt: recht gute. Ich blogge nun seit 2006 mehr oder weniger regelmäßig auf verschiedenen Blogs. Allerdings dürfte ich eher weniger zu den "harten" Wissenschaftsbloggern zählen wie man sie auf den Scilogs oder den Scienceblogs findet. Ich habe immer schon eher über die Wissenschaft auf einer Metaebene gebloggt. Speziell das Thema Wissenschaftskommunikation war für mich immer von besonderem Interesse, da es in meinen bisherigen (auch beruflichen) Tätigkeiten immer einen gewissen Stellenwert hatte.

Ich empfand die Welt des Wissenschaftsbloggings aus meiner Beobachtung, wie auch aus eigener Erfahrung heraus, immer als eine sehr intensive Welt hinsichtlich der Reaktionen, die man mit eigenen Beiträgen hervorrufen kann. Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass das in anderen Bereichen wahrscheinlich genauso zutrifft. Bei vielen Themen werden oftmals leidenschaftliche Diskussionen geführt, die zwar nicht immer, jedoch oft auf einem hohen argumentativen Niveau ablaufen. Sicher gibt es Themen, die heikler sind als andere und entsprechend heftigere Reaktionen hervorrufen, und es gibt auch immer wieder Themen, die einem sehr schnell Trolle auf den Plan rufen. Aber im Grunde war das Wissenschaftsbloggen für mich immer ein attraktives Feld, mit vielen lohnenden Dialogen und Kontakten, die mir persönlich eigentlich immer mit Respekt entgegen getreten sind, trotz meiner manchmal etwas spitz formulierten Aussagen. Was ich aber an der Wissenschaftsbloggerei am meisten mag ist das Lesen. Ich lese einfach unglaublich gern Beiträge aus wissenschaftlichen Blogs. In der Rolle des Lesers fühle ich mich noch immer am wohlsten. Und es gibt eine sehr große Zahl an tollen Blogs und eine schier unendliche Zahl an faszinierenden Themen.

Bei mir selbst hat sich darüber hinaus der Fokus in den vergangenen Jahren vom Bloggen in das Podcasting verlagert. Ich lese zwar noch immer viele Blogs, höre aber seit 2007 auch wissenschaftsbezogene Podcasts - ein Bereich, der gerade in den letzten zwei Jahren auch noch einmal stark gewachsen ist. Ich selbst blogge beispielsweise auch weniger seitdem ich aktiv podcaste, auch wenn es Phasen gibt in denen mir selbst dazu die Zeit fehlt. Aber wem geht das nicht so?

Seit Januar produzierst du den Podcast "Open Science Radio". Was ist und wie macht man Open Science?

Ja stimmt, das Open Science Radio habe ich ins Leben gerufen, weil ich es unglaublich fand, dass es noch keinen Podcast zu dem sehr weiten und wirklich spannenden Thema Open Science gab. Seit Januar versuche ich nun alle zwei bis drei Wochen in einem halb- bis einstündigen Format allerlei Neuigkeiten aus den verschiedenen Bereichen von Open Science aufzugreifen, vorzustellen und dabei noch ein wenig Hintergrundwissen zu vermitteln.

openscienceradio-itunesDie Frage was Open Science ist, ist allerdings gar nicht so leicht zu beantworten, genau weil das Feld sehr weit ist. Open Science ist ein Oberbegriff für eine Bewegung oder eine Einstellung, die wiederum mehrere Ansätze beinhaltet. Das verbindende Element dieser Ansätze, und damit aus meiner Sicht das Kernargument von Open Science, ist die Öffnung von wissenschaftlichen Prozessen und Prozessen innerhalb der Wissenschaft unter den Bedingungen des Offenen Wissens wie sie beispielsweise die Open Knowledge Foundation definiert hat. Wenn man die Ansätze von Open Science betrachtet, sind die wichtigsten Elemente der offene Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen (Open Access) durch freie Lizenzen, der offene Zugang zu wissenschaftlichen Rohdaten und Tools (Open Source / Open Data), die offene Kommunikation hinsichtlich der in der Wissenschaft stattfindenden wissenschaftlichen Arbeitsprozesse (Open Research / Open Methodology), die Öffnung des Begutachtungsprozesses bei wissenschaftlichen Publikationen (Open Peer Review) und abschließend die Öffnung des wissenschaftlichen Diskurses, der es Wissenschaftlern erlauben würde ihre Ideen, Arbeitsmethoden und Ergebnisse offen im Internet zu diskutieren und so auch anderen Menschen die Möglichkeit zu geben am Forschungsprozess teilzuhaben und sich ggf. auch an der Lösung des Forschungsproblems zu beteiligen (Open Notebook Science / Open Lab).

Wie man sieht, betrifft Open Science sehr viele Ebenen wissenschaftlicher Arbeit. Auch an dieser Stelle würde ich davon absehen, allzu verallgemeinernd zu postulieren, dass möglichst jeder Wissenschaftler in all diesen Aspekten gleichermaßen offen sein muss. Es gibt immer Abwägungen, nicht zuletzt individueller Natur, die man in Betracht ziehen muss, wenn es darum geht die eigene wissenschaftliche Arbeit zu öffnen. Wie ist man persönlich gestrickt? Gibt es rechtliche oder wirtschaftliche Vorbehalte die es zu beachten gilt (z.B. in industriegeförderten Drittmittelprojekten)? Habe ich das Know-how und die Kapazitäten, um Wissenschaft nach den Maßstäben von Open Science zu betreiben? Solang es keine entsprechend verankerten Regularien gibt, wird es hier sehr stark auf die Initiative von Idealisten ankommen.

Ich persönlich empfinde viele Aspekte als lohnend, einige würde ich gern allgemein verankert sehen. Die Öffnung des Publikationssystem hin zu standardmäßigem Open Access und das damit eigentlich einhergehende Überdenken des fast schon obsessiven "wissenschaftlichen Bewertungssystems" (nach Impact Factor) sehe ich dabei als immens wichtig an. Ebenso halte ich die Öffnung des Zugang zu wissenschaftlichen Rohdaten zum Zwecke der Weiterverwendung, aber auch der Reproduzierbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse für unabdingbar. Innerhalb der Wissenschaft, aber auch in der breiten Öffentlichkeit sehe ich aber in Bezug auf die Open Science Bewegung noch einen erheblichen Aufklärungsbedarf. Auch hier gilt es, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über die Vorzüge, Nachteile, Herausforderungen und den Nutzen von Open Science zu informieren und ihnen vor allem mit Know-how beratend zur Seite zu stehen.

Welche Probleme gibt es mit Open Science/ Open Access in Deutschland? Sieht es in anderen Ländern anders aus?

Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, was genau die Kernprobleme sind bzw. was eigentlich ursächlich dafür sein könnte, dass die Open Science / Open Access Thematik in Deutschland zögerlicher in Schwung kommt als in anderen Ländern. Ich bin fast geneigt zu vermuten, dass die eher konservativen Einstellungen unserer Gesellschaft uns da im Wege stehen. Speziell am Beispiel Open Access kann man recht gut sehen, welche Vorbehalte da ins Spiel gebracht werden. Viele sehen Probleme bei der Langzeitarchivierung, bei der Auffindbarkeit oder der Sicherstellung der Authentizität der publizierten Dokumente. Aus meiner Sicht gibt es dafür bereits geeignete Lösungen, oder es wird sie in naher Zukunft geben.

Auch das oftmals vorgebrachte Argument der geringeren Qualität von Open Access Publikationen halte ich für nicht allzu schwerwiegend. Viele Open Access Verlage haben ähnliche Peer Review Prozesse etabliert wie die "wichtigen" Fachzeitschriften, oder versuchen neue Wege der Qualitätssicherung zu beschreiten. Aus meiner Sicht existieren die hartnäckigsten Argumente im Umfeld der Finanzierung von Open Access, der rechtlichen Regulierung (z.B. urheberrechtlicher Verwertungsrechte) und der verlagswirtschaftlichen Bedenken. Den rechtlichen Regelungen nähert man sich bereits, so wurde vor kurzem vom Bundesrat ein Zweitveröffentlichungsrecht beschlossen, welches zumindest Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in außeruniversitären Forschungseinrichtungen und öffentlich finanzierten Projekten erlaubt, ihre wissenschaftlichen Beiträge 12 Monate nach der Erstveröffentlichung zu nicht gewerblichen Zwecken im Internet frei zugänglich zu machen [Anmerkung: Auch wir haben davon kürzlich Gebrauch gemacht, siehe unsere letzten Working Paper]. Dies ist ein erster Schritt, der allerdings bereits berechtigte Kritik hervorrief, weil hier zum einen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Hochschulen teilweise ausgenommen und dadurch benachteiligt sind, zum anderen weil die mit Rücksicht auf die Verlagsinteressen gefasste Karenzzeit von 12 Monaten recht lang ist. Andere Länder wie z.B. Großbritannien sind hier mit 6 Monaten deutlich fortschrittlicher. Darüber hinaus scheinen wir uns in Deutschland mit der Finanzierung von Open Access, aber auch anderen Open Science Maßnahmen schwerer zu tun als in anderen Ländern.

Bei Open Access Publikationen fallen in der Regel ein Teil der Subskriptionszahlungen weg, die bisher viele Publikationen quersubventioniert haben. Die anfallenden Kosten aber bleiben zu einem Teil bestehen (wenngleich die Druck- und Vertriebskosten wegfallen) und müssen entsprechend aufgefangen werden. Die Finanzierungsfrage ist in weiten Teilen in Deutschland noch immer kontrovers diskutiert und Regelungen die einen breiten Konsens bedeuten sind meines Erachtens noch nicht gefunden. Im Raum stehen hier neben autorenfinanzierten Modellen vor allem auch die Finanzierung durch Förderorganisationen, Stiftungen, Institutionelle Mitgliedschaften oder auch Community-Fee-Modelle. Neben den Fragen der konkreten Finanzierbarkeit scheint mir aber auch die bis dato existierende Verlagswirtschaft eine nur wenig fortschrittliche Einstellung gegenüber Open Access Publikationsmodellen einzunehmen. Das kommt mir neben einigen gut nachvollziehbaren Argumenten in vielen Situationen aber vor allem wie eine Art Schockstarre gegenüber Open Access vor, da dieses Publikationsmodell am tradierten Geschäftsmodell der Fachverlage zu rütteln vermag.

Neben diesen wirtschaftlichen Gründen ist vor es vor allem das der Wissenschaft inhärente Bewertungssystem wissenschaftlicher Reputation, das aus meiner Sicht dem Open Access Gedanken noch immer im Wege steht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen publizieren - davon lebt die Wissenschaft, aber auch die Reputation der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. In der Wissenschaftswelt ist allerdings noch immer derjenige am sichtbarsten, der in einer der "wichtigen" Fachzeitschriften wie Science oder Nature veröffentlicht; Zeitschriften mit einem hohen Impact Factor. Diese Fixierung ist der Entwicklung eines Open Access Publikationssystems abträglich.

Ganz grundsätzlich scheint mir also in Deutschland das Problem eine Art verhaltene Einstellung gegenüber der Öffnung von Prozessen in der Wissenschaft zu sein. Es wäre sicherlich genauso merkwürdig überoptimistisch eingestellt zu sein, aber mir fehlt in vielen Diskussion eine Grundoffenheit gegenüber den Ideen, Idealen und vernünftigen Argumenten der Open Access / Open Science Bewegung. In anderen Ländern ist dies zum Teil genauso, manchmal schlimmer, aber in einigen Staaten auch deutlich besser. Die USA und Großbritannien scheinen mir hier einen deutlichen Vorsprung zu haben. In Deutschland haben sich zwar ebenso alle großen
Wissenschaftsorganisationen zu Open Access bekannt, dennoch sind wir hierzulande noch von einer grundlegenden und gültigen Regelung (z.B. auch in der Forschungsförderung) entfernt.

Kann Wissenschafts-Crowdfunding funktionieren?

Generell, und auch mit etwas Hoffnung gesprochen, ja. Auch hier schließt sich allerdings ein "aber" ein. Denn ich glaube, dass Crowdfunding in der Wissenschaft kein Allheilmittel ist, wie es sich mitunter als Hype im Internet für die Monetarisierung von Ideen stilisiert. Ich glaube in der Wissenschaftswelt gibt es Raum für Projekte die man über Crowdfunding auf die Beine stellen kann. Wahrscheinlich wird es zum Teil um Projekte gehen, deren grundlegenden Ideen durch die klassische Forschungsförderung (oder Auftragsforschung) finanziert sind, bei denen sich aber zusätzliche Ideen herauskristallisieren oder die kommunikativ auf eine besondere Weise begleitet werden sollen. Zum anderen wird es aber aus meiner Sicht auch Projekte geben, für die in der klassischen Forschungsförderung kein Platz ist. Das eröffnet Raum für wissenschaftliche Kreativität und gibt interessierten Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit neue oder bisher weniger beachtete Aspekte wissenschaftlicher Fragestellungen ideell und finanziell zu unterstützen. Warum sollte man dem also keine Chance geben?

Picture "sharing is caring": Thanks Ant!

10 Kommentare

  1. Sehr ausführlich, danke!

    • Danke Dir!

      Meine Befürchtung war/ist ja, gerade weil das Themenfeld sehr breit und ausführlich ist, dass manche Dinge dadurch etwas unklarer werden, anstelle klarer herausgestellt zu werden.

      Schließlich wäre jede dieser Fragen es wert jeweils in einem eigenen Interview behandelt zu werden. 😉

  2. Denke, da kann ich dir zustimmen. Machen wir einen Sammelband draus?

    http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:O.tacke/Sammelband_OpenScience

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