Ist Teilen Revolutionär?

von Philip Wallmeier

Ökonomen, Politiker und Aktivisten (ein guter Überblick findet sich hier) haben das Prinzip des Teilens wiederentdeckt. Der Gedanke ist simpel: Weil täglich etwa 100.000 Menschen verhungern während Lebensmittel in Massen entsorgt werden; weil sowohl Arbeitslosigkeit als auch Überarbeitung Massenphänomene sind; kurz, weil Überfluss und Knappheit zusammen auftreten, scheint Teilen geboten. Das haben auch die Medien entdeckt. The Economist und GEO z.B. widmen der „Ökonomie des Teilens“ eine Titelstory und auch der MDR hat das Tauschen gerade wieder zum Thema einer Sendung gemacht, es sogar als „Revolution“ bezeichnet. Dass die Idee des Teilens heute so populär ist, hängt nicht zuletzt mit der zunehmenden Vernetzung von Personen durch das Internet zusammen. Internetseiten wie AirBnB, Mitfahrgelegenheit und die App whyownit erfreuen sich wachsender Nutzerzahlen, weil die Buchung eines Services über das Internet schnell und einfach ist. Firmenneugründungen und finanzielle Investitionen in vergleichbare Ideen weisen auf hohe Erwartungen hin. Ob Teilen aber „revolutionär“ ist, steht auf einem anderen Blatt.

Gemeinsam ist den unterschiedlichen Bereichen der sogenannten Ökonomie des Teilens, dass Waren nicht „für immer“ besessen, sondern nach einer gewissen Zeit weitergegeben werden. Darüber hinaus unterscheiden sich unterschiedliche Angebote aber in wesentlichen Aspekten. Während z.B. bei AirBnB Privateigentum mit Anderen gegen Geld geteilt wird (das wird häufig als Peer-to-Peer bezeichnet), gehören die Autos der meisten Carsharing Anbieter Unternehmen, die diese verleihen (z.B. Mercedes, Deutsche Bahn). Auf Flohmärkten wechseln Gegenstände die Besitzer zwischen Privatpersonen während Gemeinschaftsgärten meist gemeinsamen Besitz darstellen. Bei Wikipedia werden Inhalte gemeinsam produziert, während das für die geteilte Bohrmaschine nicht gilt. Allein diese Beispiele weisen auf die Heterogenität der Aktivitäten hin, die häufig unter dem Begriff „Ökonomie des Teilens“ versammelt werden: Distribution, Eigentumsrechte, Konsum- und Produktionsmuster können sich stark unterscheiden. Während die Ökonomie des Teilens zentralisierte und dezentrale Distributionswege kennt, werden Güter teilweise gemeinschaftlich, privat oder von Unternehmen besessen und ebenso entweder privat oder gemeinschaftlich konsumiert und produziert. Dieser Kurzüberblick zeigt auch schon, dass es schwierig ist, die Ökonomie des Teilens auszumachen; von  „Nutzen statt Besitzen“, ein Slogan, der gut klingt und immer häufiger aufgegriffen wird, kann aber meist keine Rede sein. Auch wenn Nutzung und Besitz teilweise auseinander fallen: das „statt“ entpuppt sich meist doch als ein „und“.

Flohmarkt

Ein Klassiker: Der Flohmarkt | "Flohmarkt Riegerplatz" von Joachim S. Müller unter CC BY-NC-SA 2.0

Da der Begriff so heterogene Phänomene zusammenfasst, ist nicht klar, was genau die bejubelte „Innovation“ der Ökonomie des Teilens ist. Während sich neue Felder der Distribution und Vernetzung über das Internet ergeben, erscheint die Ökonomie des Teilens aus der Perspektive der Gesellschaft kaum als Neuerung oder gar Revolution – schließlich war die Bitte um Zucker beim Nachbarn lange Usus. Offensichtlich eröffnet die Weitergabe von Gebrauchsgegenständen (eine Bohrmaschine kommt in ihrem Leben gewöhnlich nur ca. 13 Minuten zum Einsatz) Möglichkeiten Ressourcen zu sparen. Ressourcen werden aber nur dann geschont, wenn durch Teilen gespartes Geld nicht in andere Güter oder Dienstleistungen investiert wird, z.B. in Flugreisen. Dann ist die Ökobilanz unklar. Auch die Frage, ob Teilen dazu führt, dass ärmere Leute mehr haben, ist nicht einfach zu beantworten. Bisher lässt die Konzentration der Entwicklung auf die Zentren von Großstädten eher darauf schließen, dass hier Leute untereinander tauschen, die darauf ökonomisch nicht angewiesen sind.

Dabei sollen die positiven Effekte des Teilens nicht kleingeredet werden. In Kombination mit ökologischem oder politischem Bewusstsein, können sich durch Teilen neue Beziehungen, Reziprozität oder Solidarität herausbilden. So kann Teilen ermächtigend wirken. Das ist aber keine neue Erkenntnis; diese Idee wurde mindestens schon in Robert Owens New Lanark Projekt und Genossenschaften seit Mitte des 19. Jahrhunderts umgesetzt. Eine gesellschaftliche „Revolution“ ist die Ökonomie des Teilens also wohl kaum – vielleicht mag man aber mit Robert Menasse erneut über die „permanente Revolution der Begriffe“ nachdenken.

Philip WallmeierPhilip Wallmeier ist seit September 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Internationale Organisationen an der Universität Frankfurt. Er forscht zu intentionalen Gemeinschaften, im speziellen Ökodörfern, in denen Widerstand gegen zerstörerische wirtschaftliche, politische und soziale Kräfte mit dem Austesten alternativer Lebensformen einhergeht. Seine allgemeinen Forschungsinteressen umfassen friedliche Formen des Widerstands und alternative Formen des Wirtschaftens und Zusammenlebens.

3 Kommentare

  1. Revolutionär? Schwer zu sagen. Wenn es nur darum geht, Effizienz zu erhöhen, damit mehr woanders investiert werden kann, also eine Ressourcenumverteilung innerhalb der neoliberalen Wirtschaftsordnung, dann ist es gar nicht so revolutionär. Es wird zwar viele Konsumgüterproduzenten anpissen, aber mehr nicht. Es wäre eine Veränderung innerhalb der Marktlogik aber nicht eine Veränderung von dieser Logik zu einer anderen.

    Wenn es aber dazu führt, dass die, mit denen einer teilt, anders betrachtet werden als nur Konsumenten oder gesichtslose Marktteilnehmer, als Konkurrenten im Rennen um das große Nutzen, ist viel drin.

    • Ja, Ben, so sehe ich das auch – zumindest wenn es um die Ökonomie des Teilens geht.
      Interessant scheint mir in diesem Zusammenhang (Stichowrt „RessourcenderTEILUNG“), dass in Deutschland häufig die Bezeichnung „sharing economy“ statt „Ökonomie des Teilens“ verwendet wird. Dafür mag es einen Grund geben: „Sharing“ und „Teilen“ unterscheiden sich nämlich. „Sharing“ ist auf Deutsch eher „austeilen“ oder „verteilen“ während das deusche Wort „Teilen“ ja auch „aufteilen“/“zerteilen“ bedeutet (was im Englischen ja nicht „share“ sondern „divide“ wäre). „To share“ klingt also mehr nach freiwilligem Geben während „Teilen“ durchaus auf einen Interessenskonflikt verweisen kann. Dieser Aseptk wird aber in der „sharing economy“ (oder der Ökonomie des Teilens) eher ausgeblendet.

      • Das semantische Argument wäre schön, wenn´s stimmen würde, aber ich muss leider behaupten, dass es falsch ist. „Sharing“ heißt durch aus auch so etwas wie „aufteilen“. Du kennst das Wort vielleicht aus dem finanziellen Duktus, wo es „Anteil“ heißt. Aber das 1. Wort, dass Kinder lernen, wenn es darum geht, dass sie den ganzen Kuchen nicht für sich behalten dürfen und etwas an andere auch abgeben müssen ist ja auch „sharing“. Siehe hier und hier. Ich würde sogar behaupten, dass diese Konnotation die häufigere in der Alltagssprache ist.

        Also warum „sharing economy“ auf Deutsch? Meine Vermutung wäre, dass es an eine kosmopolitische und innovative Konnotation deuten soll. Es ist ein Werbeslogan für eine Marke, nicht im Sinne von einer Handelsmarke aber ein Identifikationsmerkmal, das von gewissen „early adapters“ und den, die es gerne wären, eingesetzt wird. Vgl. „Fair Trade“. Eine Vermutung/Hypothese: „Sharing economy“ wird hauptsächlich von Deutschen ohne Migrationshintergrund, mit Abitur und in städtischen Räumen benutzt. Es ist eher ein Werbeslogan als ein Glaubensbekenntnis.

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