Wir und die Anderen? Die Beeinflussung der öffentlichen Meinung über Muslime und den Islam durch die westlichen Medien

von Hakim Khatib

In den letzten drei Jahrzehnten haben sich die politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Strukturen unserer Welt auf verschiedenen Ebenen radikal verändert. Das Interesse am Islam ist nicht nur in wissenschaftlichen Arbeiten und Zeitschriften gestiegen, sondern auch in allen anderen westlichen Medien. Dieses Interesse wurde unter Anderem durch die Islamisch-Iranische Revolution von 1979, die Fatwa gegen den Buchautor von „Die satanischen Verse“ Salman Rushdie 1989, die Golfkriege Anfang der 90er Jahre, den Balkankonflikt als auch die Einwanderung von Migranten mit islamischem Hintergrund in Europa gefördert.

Die Medien in westlichen Ländern spielen eine starke Rolle bei der Formung des öffentlichen Kenntnisstandes. Allerdings haben sie sich seit 14 Jahren, nämlich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, durch eine extremistische Gruppe im Namen des Islams, intensiver mit dem Islam und Muslimen beschäftigt. Da Muslime und Nicht-Muslime als Opfer unter dem Terror und der Gewalt von den sogenannten Militanten im Namen der Religion leiden, ist die Darstellung vom Islam in westlichen Medien nicht ganz „fair and square.“ Durch die Berichterstattung westlicher bzw. nahöstlicher Medien sind beidseitige Missverständnisse und Vorurteile zwischen Muslimen und Nicht–Muslimen entstanden.

Zunächst kann man sagen: „bad news is good news.“ Das heißt, wenn die Medien entsetzende Nachrichten übertragen, bekommen sie selbstverständlich mehr Publikum. Unter anderem beeinflussen sie dadurch die Wahrnehmung der Realität durch die Öffentlichkeit im negativen Sinne. Mit anderen Worten gestalten die Medien unsere Erkenntnisse der Welt in negativen oder positiven Begriffen. Da schlechte Nachrichten klangvoller sind, hören wir z.B. über Kriminalität und Mord mehr als über eine Person, die morgens Kaffee trinkt, zur Arbeit geht und sich am Abend mit Freunden trifft. Diese journalistische Einstellung ist keine westliche Besonderheit, sondern kann weltweit beobachtet werden.

Heutzutage finden wir leider viele Kampagnen gegen den Islam und die sogenannte „Islamisierung des Abendlandes.“ Manchmal vergessen wir als Leser und Zuschauer, dass hinter Religionen und Ideologien Menschen stecken, die zu Diskussionen und Debatten bereit sind und einen konstruktiven und produktiven Teil unserer Gesellschaft konstituieren. Im Vergleich zu den vielen unbeachteten islamischen sowie unbefangenen westlichen Berichterstattern, die auch ihre Botschaft vermitteln wollen, können die westlichen Medien durch enorme finanzielle Ressourcen dominanter und viel professioneller sein.

Viele westliche Medien haben sich systematisch immer auf den 11. September bezogen, um die öffentliche Meinung über den Krieg gegen den Terror positiv zu beeinflussen und diesen zu rechtfertigen. Das Ziel war nicht grundsätzlich, das Bild vom Islam oder Muslimen zu verschlechtern, sondern die Kriege der USA und ihrer Alliierten in Afghanistan seit 2001, die Invasion in den Irak im Jahr 2003 und die Drohnenangriffe im Jemen und in  Pakistan seit 2004 zu begründen und als notwendig darzustellen. Diese Ansätze setzten allerdings voraus, dass die Medien implizit oder explizit Muslime und Terror miteinander in Verbindung bringen. Daher hat die Presse Muslime verstärkt als Fundamentalisten, Radikale, Fanatiker oder Extremisten gezeigt. Über die letzten Jahre haben solche Pauschalisierungsprozesse leider zur Emergenz von Islamophobie geführt.

2009 wurde Marwa Al-Sherbini in Dresden aus rassistischem Hass ermordet. Der Täter fühlte sich durch ihr Kopftuch provoziert. Im selben Jahr wurde die Castres Moschee in Südfrankreich beschädigt. Nach den Terroranschlägen auf die Satirezeitung Charlie Hebdo von 2015 wurden über 17 Moscheen in Frankreich mit Brandbomben, Gewehrschüssen und Schweinsköpfen angegriffen, berichtete New York Daily News. Paradoxerweise wurde der Polizist Ahmed Merabet von den Terroristen an jenem Tag umgebracht und der französische Präsident Hollande betonte ganz deutlich, dass „diese Fanatiker nichts mit dem Islam zu tun haben.“

Im englischsprachigen Kontext gab es eine Überschwemmung von Publikationen und Berichterstattungen, in denen der Islam mit terroristischen Taten verbunden wurde. Diese Entwicklung führte zu pauschalisierten Fragen: „Was sind die Gründe für Radikalismus und Anti-Amerikanismus?“, „Warum hassen sie uns?“, „Ist der Islam mit Demokratie kompatibel?“, „Wie sehen die Frauen ihren Status im Islam?“ und viele andere Fragen. Leider werden die Leser oft durch die Antworten scheinbarer Experten, islamfeindlicher Autoren und die verfochtenen Positionen von Aktivisten irritiert.

Als Menschen haben wir immer noch die Tendenz, unterschiedliche Kontexte mit verschiedenen Begriffen und Kriterien zu erklären, weil wir uns oft unter dem Einfluss von „fundamentalen Attribuierungsirrtümern“ befinden. Das heißt, wir erklären das Verhältnis zu Eigengruppenmitgliedern durch die Untersuchung der Kontexte und Gründe, aber das Verhältnis zu Angehörigen von Fremdgruppen durch die Untersuchung von deren Eigenschaften und Charakterzügen. Diese Tendenz kann sowohl bei westlichen als auch bei östlichen Kontexten bestehen.

Der Islam bleibt in Europa und Nordamerika noch so lange fremd, bis die medialen Hauptströme der westlichen Länder die Muslime in die Debatte mit einbeziehen. An der Hochschule Darmstadt gab es zum Beispiel vor ein paar Monaten Schriften gegen islamische Studierende an den Wänden. Die Begründung der Verursacher war, dass sie keine Anhänger der ISIS („Islamischer Staat in Irak und Syrien“) an der Universität dulden wollten. Nun, es sollte sowohl von der Debatte über Radikalismus und Extremismus abgesehen werden als auch davon, dass die muslimischen Studierenden weder ISIS noch den Islam repräsentieren. Nicht-Muslime in Europa oder in der Welt waren und sollen ebenfalls nicht für die terroristische Tat von Anders Behring Breivik in Norwegen verantwortlich gemacht werden, bei der 77 Menschen getötet und 241 verletzt wurden.

Obwohl manche Medienströmungen von Vielfalt und Integration sprechen, sind sie leider nicht sehr dominant bzw. überhaupt bekannt. In seinem Buch „Reel Bad Arabs: How Holly- wood Vilifies a People“ von 2001 und in der Literaturverfilmung von 2006 hat Jack Shaheen herausgefunden, dass die unermessliche Mehrheit der arabischen Charaktere in 900 Hollywood Filmen als völlig rassistische Rollen gezeichnet werden. Das Alltagsleben von Muslimen wurde fast gar nicht gezeigt, sondern deren Bild gänzlich verzerrt.

Viele westliche Länder, wie z.B. Deutschland, versuchen ein anderes Bild von Islam und Muslimen darzustellen. Nach den Pariser Anschlägen 2015 hat sich die Bundeskanzlerin An- gela Merkel schützend vor die Muslime in Deutschland gestellt. „Ich bin die Bundeskanzlerin aller Deutschen, das schließt alle, die hier dauerhaft leben, mit ein - egal welchen Ursprungs und welcher Herkunft sie sind“, sagte sie. Bei einem Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu sagte Merkel: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Obwohl sie nicht die erste war, die dies gesagt hat, haben ihre Worte eine übertriebene gegnerische sowie übereinstimmende Resonanz gefunden. Bundespräsident Christian Wulff hat 2010 eine Rede zum Tag der Deutschen Einheit gehalten, in der er sagte: „Wenn mir deutsche Musliminnen und Muslime schreiben „Sie sind unser Präsident“, dann antworte ich aus vollem Herzen: Ja, natürlich bin ich Ihr Präsident! Mit der gleichen Leiden- schaft und Überzeugung, mit der ich der Präsident aller Menschen bin, die hier in Deutschland leben.“ Medien wie unter anderem „Die Zeit“, „ARD“, „ZDF“ und „Spiegel“ haben diese Rede bekannt gemacht und konzeptualisiert. Trotzdem hat Deutschland 2014 die Entstehung einer Bewegung wie „PEGIDA“ beobachten müssen.

Vielfalt und gegenseitige Kooperation könnten zurzeit die Ausgangsebene für Bürgerinnen und Bürger sein, sich zusammen zu entwickeln, was durch die Medien erst aufgebaut werden muss. Leider haben die Medien das Thema „Islam im Westen“ und seine Vielfalt, die vielen Abstufungen und die Komplexität sowohl von islamischen als auch von ihren eigenen vielfältigen Gesellschaften noch nicht genügend behandelt. In diesem Fall muss der Lernprozess gegenseitig sein - Muslime lernen über Nicht-Muslime und umgekehrt. Schließlich sollten die Medien nicht nur positive oder nur negative Berichte über das Thema Islam erstatten, sondern die Realität ohne Pauschalisierung reflektieren. Es gibt noch viel mehr über Muslime, den Islam und deren Beziehungen zum „Westen“ zu entdecken.

2 Kommentare

  1. Schade, ich hätte mir gewünscht der Text würde mehr auf die sicherheitspolitische Komponente der Konstruktion von „wir und ihr“ mit religiösem Hintergrund eingehen. So bleibt der Text nur ein erneuter Aufruf zu Toleranz und Akzeptanz zwischen Islam und Christentum.

  2. „Der Islam gehört zu Deutschland“.

    Der Satz ist ähnlich mit „Die Selbstverstümmelung gehört zu Deutschland“.
    Denn: historisch gehört der Islam so wenig zu Deutschland wie die Selbsverstümmelung.
    Deutschland ist ein freies Land (Frei für Deutsche, und nicht „frei“ im Sinne… Frei für Illegale Einwanderung).

    Der in Deutschland rechtens lebende Bürger, geniesst Freiheit. Dies beinhält auch die Freiheit des Deutschen Bürgers „sich selbst zu verstümmeln“, oder „dem Islam beizutreten“.
    Aber zu behaupten, dass „der Islam zu Deutschland gehöre“, ist einfach ein Satz der nicht die richtige Balance hat.
    Was stark zu Deutschland gehört ist (unter anderem!) die Christliche Tradition und nicht der Islam.

    Ich schäme mich für Deutschland, wenn es den Bürgern in einer unverhältnismäßigen Weise verbreitet, dass der Islam zu Deutschland gehöre.
    Nein, in der Weise… gehört er nicht zu Deutschland. Statt dessen ist es die Freiheit die zu Deutschland gehört. Das ist das höhere Gut.
    Es ist Blödheit, oder Unverantwortlichkeit, oder geziehlte Manipulation… wenn in einem selektiven Wahn von political correctness… nebensächliche Tatsachen hervorgehoben werden; und den Bürgern untergerieben werden.

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