Was lesen deutsche Salafisten?

Ein Bericht aus der empirischen Feldforschung

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Dies ist der neunte Artikel unseres Blogfokus "Salafismus in Deutschland". Weitere Informationen gibt es hier.

von Amr El Hadad

Salafismus in Deutschland ist ein importiertes religiöses Phänomen, welches seine Wurzeln im arabischen Raum hat. Beobachtet man die deutsche Salafisten empirisch in ihren Predigten und Videoauftritten stellt man fest, dass sie ausschließlich arabisch-sprachige religiöse Auffassungen verwenden. Alle salafistischen transnationalen Schlüsselfiguren (mit wenigen Ausnahmen) sind ausschließlich arabische Muttersprachler und publizieren ihre Werke in arabischer Sprache. Die national und lokal wirkenden Akteure in Deutschland sind auf diese Werke bzw. Informationsquellen in ihren Predigten und ihrer Ausbildung angewiesen. Sie müssen daher der arabischen Sprache mächtig sein, damit sie ihre Autorität durch diese Werke legitimeren können. In diesem Zusammenhang stellen sich wichtige Fragen: Was lesen deutsche Salafisten, die kein Arabisch können, wenn sie sich mit authentischen Quellen über die salafistischen Ideologie oder Theologie beschäftigen wollen? Wo findet man Übersetzungen der Hauptwerke der salafistischen Ideologien? Welches authentische Lesematerial zu ideologischen oder theologischen Ansätzen kann beispielsweise ein Berliner Salafist bekommen?

Stellt man sich diese Fragen, so ergibt sich die übliche Folgefrage jeder empirischen Forschung: die nach der Datengrundlage und des Quellenzugangs. Der Forscher hat die bekannteste salafistische Moschee Berlins besucht und stellt den folgenden empirischen Feldbericht, der auf Feldbeobachtung in der Bücherei der Moschee gewonnen wird.

Besuch in der Al Nur-Moschee

Laut Verfassungsschutzbericht aus dem Jahr 2014 leben in Berlin 570 Salafisten. Im Vorjahr waren es noch 500. Diese Einschätzung beinhaltet alle Formen der salafistischen Strömungen in der Bundeshauptstadt. Die Al Nur-Moschee dient, so der Verfassungsschutz, seit 2011 als „Treffpunkt“ der Salafisten und steht daher unter Beobachtung.

Die Moschee liegt in einem Industriegebiet im Süden Berlins, im Bezirk Neukölln. Im Vergleich zu den anderen Moscheen liegt sie damit weit vom Zentrum Neuköllns entfernt. Die Erreichbarkeit der Moschee, gegeben über S-Bahn und eine umständliche Busverbindung, ist dadurch relativ erschwert.

Die Moschee besteht aus zwei Etagen, wobei die obere Etage von Frauen und Kindern, beispielsweise als Kinder-Koranschule, genutzt wird. In der unteren Etage, in der sich der Hauptgebetsraum für die Männer befindet, verfügt die Moschee über eine Bücherei und eine Audiobibliothek. Jeder Besucher kann ein Funk-Headset ausleihen. Durch dieses sind Simultan-Übersetzungen der Predigten in der Moschee ins Deutsche verfügbar.

Die Bücherei der Moschee gliedert sich in zwei Teile: die arabische und die deutsche Abteilung.

Die arabische Abteilung verfügt – wie jede andere arabische sunnitische Moschee –  über die Standardwerke der islamischen Theologie; sprich: klassische Koranauslegungen (überraschenderweise ist weder die bekannte Koranauslegung von Sayyid Qutb „Unter dem Schatten des Korans“, noch ein anderes Werk von ihm zu finden), Hadith-Sammlungen, die Fatwa-Sammlung von Ibn Taimīya, einige Werke seines berühmten Schülers Ibn Qaiyim und einige Werke von Al-Ghazālī. Dazu kommen die Standardwerke des modernen Salafismus: die Fatwa-Sammlungen von  Al-Uthaymin und Ibn Bāz, einige Werke von Al-Qarni, die Christentum-Kritik von Ahmad Deedat und selbstverständlich die Hadith-Sammlungen von Al-Albānī. Nicht überraschend ist die Abwesenheit jedes Werk von Al-Awlaki oder Abdallah Azzam, die als Theoretiker des jihadistischen Diskurses bekannt sind.

Im Allgemeinen ist diese Bücherei mit jeder in einer arabischen sunnitischen Moschee vergleichbar. Die Abwesenheit jeglicher Literatur von bekannten radikalen Autoren zeichnet die ideologische Tendenz der Moschee aus.

Die deutsche Abteilung kann in drei Sektionen unterteilt werden:

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Ein Foto von der deutschen Abteilung der Bücherei. (Foto vom Autor)

  1. Die Kinderabteilung

Auf vier Regalen in einer Ecke befinden sich Kinderbücher und Malmaterial. Im Gegensatz zu der anderen Lektüre ist das Kinderlernmaterial interessanterweise in Deutschland geschrieben und publiziert worden. Es findet sich kaum arabisch-sprachige Literatur. Auffällig sind die Lektüren zum Erlernen der arabischen Sprache für Kinder. Überraschenderweise gibt es einige Werke, die aus dem Türkischen übersetzt wurden. Allerdings ist ihre Zahl sehr gering. Es lässt sich behaupten, dass diese Erscheinung Deutschland-spezifisch ist, weil die türkischen Gemeinden in Deutschland sich viel früher mit dem Problem von islamischem Kindermaterial in der Diaspora auseinandergesetzt haben.

Manche Werke wurden von Frauen verfasst. So wurde beispielsweise die Reihe unter dem Titel „Illustrierte Geschichten für muslimische Kinder“ von Soumia Sidi Moussa verfasst. In einem stark von Männern dominierten Milieu sind solche Erscheinungen sehr selten. Allerdings beschränkt sich diese Variation nur auf die Kinderlektüre. Sogar das wenige Lesematerial für die weiblichen Anhängerinnen des Milieus sind normalerweise von Männern verfasst worden.

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Zwei Kinderbücher aus der Bücherei der Al Nur-Moschee (Fotos vom Autor)

  1. Die vom Arabischen ins Deutsche übersetzten salafistischen Werke

Das Gros der Bücher in der Bibliothek sind Übersetzungen der klassischen und auch modernen salafistischen Werke vom Arabischen ins Deutsche. Die klassischen Werke umfassen einige von den oben genannten Werken aus der arabischen Abteilung der Bücherei. Die Übersetzungen dieser Werke sind mit großem Aufwand verbunden, da diese Werke in einem alten Sprachstil geschrieben sind, was schon für die modernen Arabisch-Sprechenden manchmal unverständlich sein kann. Die Übersetzer solcher Werke müssen über umfassende theologische und sprachliche Kompetenzen verfügt haben.

Die modernen Werke des Salafismus sind zumeist Werke von transnational einflussreichen Schlüsselfiguren der salafistischen Szene im arabischen Raum (wie die Fatwa-Sammlungen der Muftis Saudi Arabiens) Diese übersetzten Werke stellen im Vergleich zu den Klassischen die Überzahl. Die Autoren dieser Werke sind überwiegend aus Saudi Arabien und repräsentieren meines Erachtens den puren Salafismus. Solche Werke sind nur in salafistischen Moscheen zu finden. Der Übersetzungsaufwand für solche Literatur ist im Vergleich zu der oben genannten klassischen Kategorie eher gering, da sie im gängigen modernen arabischen Sprachstil geschrieben sind.   

  1. von deutschen Salafisten publizierte Bücher

Diese Art ist am geringsten vertreten. In der ganzen Bücherei ist nur ein Werk zu finden: „Es gibt keinen Gott außer Allah“ von Abu Nagie. Dieser Befund bleibt von daher die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Deutsche Salafisten produzieren selbst wenig bis kein ideologisches oder theologisches Material. Der überwiegende Anteil der salafistischen Ideologie in Deutschland wird direkt oder indirekt aus dem arabischen Raum importiert.

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Ein aus dem Arabischen übersetztes klassisches Werk der salafistischen Theologie. (Foto vom Autor)

All diese Übersetzungen wie auch die Kinderliteratur sind von deutschen salafistischen Verlagen publiziert worden. Namen wie ‚Al Sunna Verlag‘ oder ‚Dar Altaqua‘ sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Im Internet bieten einige salafistische Bücher-Shops solche Werke an. Zu den Hintergründen dieser Verlage, beispielsweise ihrer Finanzierung und dem Auswahlverfahren der Übersetzungskandidaten, hat die Forschung in Deutschland bisher leider wenig beigetragen.

Fazit:

Insgesamt erweckt die Bücherei der Al Nur-Moschee den Eindruck, dass das meiste deutschsprachige salafistische Lesematerial vom Arabischen übertragen worden ist. Die Auswahl dieser Werke durch die salafistischen Verlage in Deutschland gilt als der erste und wichtigste Kontakt der Anhänger des Salafismus in Deutschland mit den ideologischen und theologischen Ansätzen des transnationalen Salafismus. Die Autoritätskette innerhalb des salafistischen nationalen und transnationalen Netzwerkes wird durch die Wissensübermittlung verliehen. Lokale Schlüsselfiguren bilden sich mittels dieser Übertragungen autonom aus und es ist ihnen dadurch möglich, ihre eigene Interpretation solcher Werke hinzufügen oder an ihren lokalen Kontext anzupassen. Diese Werke sind das Rohmaterial des salafistischen ideologischen Konsens, die durchaus alle Interpretationen offen lassen: von der extrem radikalen Haltung bis zur gewaltlosen Auffassung. Allein die Schlüsselfigur ist in der Lage, dieses Wissen zu übermitteln, eine Auswahl zu treffen und sie in Richtung der eigenen ideologischen Tendenzen zu interpretieren bzw. zu instrumentalisieren.

elhadadAmr El Hadad ist Islamischer Theologe und Religionssoziologe. Nach dem Studium  islamischer Theologie an der Al-Azhar Universität in Kairo, schloss er das Masterstudium in Religionswissenschaft an der Universität Bayreuth zum Thema Hamas ab.  Mit Schwerpunkt empirischer Sozialforschung unter den salafistischen Milieus Deutschlands forscht er seit 2011 an den Universitäten Erfurt, Hamburg und Wien. Momentan promoviert er an der Viadrina Universität Frankfurt/Oder zum Thema „Einfluss des Arabischen Frühlings auf die Salafisten Deutschlands".
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