"Donald Trump" by Michael Vadon , used under CC BY-SA 2.0 / cut out from original

Lachen oder Weinen? Beobachtungen zum ersten Fernsehinterview von Präsident Trump

von Sebastian Schindler

Ist es zum Lachen oder zum Weinen? Diese Frage stellt sich immer wieder bei der Beobachtung der Worte und Taten des neuen US-Präsidenten – zum Beispiel anläßlich seines ersten Fernsehinterviews mit dem Journalisten David Muir (ABC America, 27.1.2017). Trump benahm sich wie ein rechthaberisches, selbstbezogenes, liebesbedürftiges Kind. Er beharrte auf seiner Version der Amtseinführung, nach der noch nie so viele Menschen wie diesmal an der Zeremonie teilgenommen hätten. Er sprach nicht nur davon, er verwies auch auf Fotos, die er an Wänden im Weißen Haus hat aufhängen lassen. Trump wiederholte außerdem seine Behauptung, dass es viele illegale Stimmen gegeben hätte, und alle für Hillary Clinton. Natürlich würde man auch den einen oder anderen finden, der illegal für ihn abgestimmt habe. Diese Person würde man dann, sagte Trump, als Gegenbeweis vor die Kameras zerren. Aber die Wahrheit sei, dass Millionen von illegalen Stimmen fast ausnahmslos für Clinton abgegeben worden seien.

Trump denkt in einem bestimmten Modus: er denkt sich die Welt so zurecht, dass sie in ein Schema passt, von dem er schon vorab überzeugt ist. Das Faktum, dass Clinton mehr Stimmen bekommen hat als er, zweieinhalb Millionen immerhin, denkt er sich so zurecht: die Menschen hätten zweimal abgestimmt! Muir fragte zurecht nach: Trump sei doch jetzt Präsident, why bother? Nun, es gehe ihm um die Menschen, um die Sache, darum, dass Leute zweimal registriert seien, einmal in New Jersey und einmal in New York und deshalb zweimal abstimmen könnten. Es gehe ihm darum, diese Illegalität zu untersuchen. Dieser kindliche Ernst, mit dem Trump dann plötzlich über dieses Problem sprach, es Muir sehr ernsthaft und ausführlich erklärte: mehrfache Registrierungen, vielleicht sogar dreifache, und alle hätten sie für Hillary gestimmt! Es ist meisterhaft, wie Trump sein ganzes Charisma einsetzt, um Probleme zu ernsthaften, wichtigen Problemen zu erklären, um der Sache willen: es wirkt authentisch, es wirkt so, als würde er sich wirklich Sorgen machen!

Trump will anerkannt, geliebt werden. Dieses Bedürfnis treibt ihn dazu, die Welt in seinem Sinn zu interpretieren. Wir alle machen das: die Welt auf eine bestimmte Weise interpretieren, auf Basis der vorgeformten Kategorien, die uns unser Verstand bereitstellt. Aber normalerweise hat diese Interpretation gewisse Grenzen. Bei einem Verstand, der normal funktioniert, ist man bereit, sein Urteil auch einmal zu korrigieren abhängig von den Erfahrungen, die man macht. Bei Trump ist das nicht so. Er scheint zu denken, dass er ein Verlierer sei, wenn er sich korrigieren ließe. Und ein Verlierer will er auf gar keinen Fall sein. Davor hat er die größte Angst: zu verlieren, zu versagen. Und deshalb bemüht er seinen Intellekt, deshalb nutzt er ihn mit aller Kraft, um sich die Welt so zurecht zu denken, dass er darin der Sieger ist – der Sieger, der manchmal davon abgehalten wird, zu siegen: aber das, was ihn abhält, können nur bösartige Manipulationen sein, nicht die Welt selbst und nicht die echte Möglichkeit des Scheiterns.

Trump ist nicht dumm. Aber das, was seinen Verstand auszeichnet, ist nicht allein und nicht primär die Fähigkeit, bewusst zu lügen und zu manipulieren. Was ihn auszeichnet ist vor allem die geistige Gabe, sich die Welt zurecht zu denken und sich nicht mehr in irgendeiner Weise von ihr irritieren zu lassen. Nicht die Lüge sondern der unerschütterliche, von Angst getriebene Glaube, allein die Wahrheit zu kennen: das ist es, was diesen Präsidenten im Innersten auszeichnet.

Warum ist es wichtig, sich mit dem Charakter Trumps zu beschäftigen? Nicht zuletzt deshalb, weil das, worüber man so schnell lacht, was so lächerlich ist, im Grunde sehr ernst ist. Der charakterliche Defekt des Donald Trump verweist auf eine allgemeinere Störung, die politisch fatale Konsequenzen haben kann. Trump drückt selbst aus, was viele Amerikaner wirklich fühlen. Als Muir nachhakte, warum diese Sache mit den illegalen Wählern überhaupt wichtig sei, jetzt da Trump Präsident wäre, verwies Trump darauf, dass es darum gehen, den Ungehörten Gehör zu verschaffen, die Unsichtbaren sichtbar zu machen – und er sagte dann so etwas wie: ‘Many people feel like me’: Sie fühlen wie ich!

Ich fürchte, Trump hat recht. Viele fühlen genau wie Trump. Ich selbst habe bei diesem Interview, wie auch schon bei den Debatten, ich gebe es zu: ein gewisses Maß an Sympathie mit Trump gespürt. Einen Grad an Verständnis. Ich glaube, mein Verständnis resultiert daher, dass Trump nicht allein das schauspielerische Talent besitzt, sich als authentisch zu geben, sondern dass er wirklich authentisch ist. Er ist wirklich so naiv und dreist, wie er sich darstellt. Man kann Mitleid mit ihm haben: Mitleid damit, zu welchem Wahnsinn ihn seine Angst, nicht geliebt zu werden, getrieben hat.

Die Charakteranalyse Donald Trumps kann uns verstehen helfen, wie ernsthaft ausgeschlossen sich viele weiße Amerikaner fühlen. Eine der stärksten Formulierungen Trumps im Interview war der Satz, er würde denen, die vergessen worden seien, zu Gehör verhelfen. Das Interview endete mit Trumps Hinweis darauf, dass es nicht nur darum gehe, die Vergessenen sichtbar zu machen, sondern auch und vor allem darum, für sie zu handeln. Arbeit für Amerikaner, “America first”! Dies ist das sehr ernsthafte, nationalistische Programm, das Trump nun durchzieht. Es kann sein, dass er damit einen gewissen Grad an Erfolg haben wird. Infrarstrukturmaßnahmen und der Ausbau des Militärs haben auch Hitler zu einem Boom in Deutschland verholfen, der ihn sehr beliebt gemacht hat. Dazu noch ein Terroranschlag, die Nation vereinigt sich hinter Trump: Er könnte ein erfolgreicher Präsident werden, einer der wirklich amerikanische Arbeiter in Lohn und Brot bringt.

Aber die Risiken sind enorm. Sie betreffen die Umweltschäden und die internationale Feindschaft, die Trump, der Mann, der nun das größte Nuklearwaffenarsenal zur Verfügung hat, vertiefen wird. Muir fragte Trump an einem Punkt, ob nicht die Maßnahmen gegen Muslime dazu führen könnten, den Ärger und Zorn (“anger”) vieler Muslime auf die USA zu befördern. Trump antwortete wieder ehrlich: er nahm Muir auf die Schippe. “Anger?” fragte er. “There is plenty of anger right now, how can you have more? … The world is a mess, the world is as angry as it gets … the world is an angry place”, sagte Trump, “the world is a total mess, the world is a mess, David!” Wieder ein Urteil, mit dem Trump vollständig falsch liegt, ein Vorurteil: natürlich haben Trumps Handlungen Auswirkungen darauf, wie sich Menschen fühlen und wie sie letztlich handeln. Aber dieses Vorurteil, dass die Welt ein aggressionsgeladenes Bündel sei, “a total mess”, drückt eben wieder etwas aus, was eigentlich in Trump selber steckt: sein Glaube, dass ihm alle zu Leibe rücken wollen, dass politisches Handeln letztlich in einem ewigen Kampf um Macht und Pfründe bestünde. Man wird den Verdacht nicht los, dass Trump einer Art der “falschen Projektion” verfallen ist, wie sie Theodor Adorno und Max Horkheimer beschrieben haben: Trumps Vorwürfe sind eigentlich Selbstbeschreibungen, sie projizieren sein eigenes Inneres auf die Welt um ihn herum.

Trumps Charakter ist aus mindestens drei Gründen genauer Analyse würdig. Der erste ist, dass er uns etwas über die Lebenssituation und den charakterlichen Lebenszustand seiner Unterstützer aussagen kann. Der zweite ist, dass Trump nun Präsident ist und sich in seinen Handlungen wirklich von seinen vorgeformten Urteilen leiten lässt; letzteres haben seine erste Wochen im Amt zur Genüge unter Beweis gestellt. Aber es gibt noch einen dritten Grund. Der charakterliche Defekt, der Trumps Persönlichkeit auszeichnet, ist ein Defekt, der immer wieder in große Menschheitskastrophen geführt hat. Denn die Gabe, sich nicht mehr von der Welt irritieren zu lassen, sondern sie nur seinen Vorurteilen gemäß zu interpretieren, ist ein zentrales Wesensmerkmal totalitärer Herrschaft. Hannah Arendt hat sie genau so beschrieben und analysiert. Im Stalinimus war man der Meinung, dass auch das Pflanzenwachstum den Gesetzen marxistischer Ökonomie folgte; das Resultat war eine bestimmte Theorie des Pflanzenwachstums, die in der Umsetzung zu katastrophalen Missernten und zur Hungersnot in der Ukraine Ende der 1920er Jahre führte. Die Nazis waren der Meinung, dass die Juden insgeheim die Welt regieren. Nichts ließ sie von dieser vorgefertigten Meinung abrücken, und am Ende, nachdem sechs Millionen Juden ausgerottet waren, wählten einige der Nazi-Führer lieber den Freitod, als ihre Theorie aufzugeben. Das Beharren auf einer vorgefertigten Weltsicht, auf einer einfachen Erklärung der Welt, die Freund und Feind total unterscheidet und den Feind (die Bourgeoise; die Juden; die Mexikaner, Muslime und Chinesen) für alles Übel verantwortlich macht, ist ein zentrales Element totalitärer Herrschaft.

In seiner “Geschichte eines Deutschen” hat Sebastian Haffner über den Aufstieg Adolf Hitlers bemerkt:

Es war seltsam zu beobachten, wie sich dies gegenseitig steigerte: die wilde Frechheit, die den unangenehmen kleinen Hetzapostel allmählich zum Dämon wachsen ließ, die Begriffsstutzigkeit seiner Bändiger, die immer erst einen Augenblick zu spät erfaßten, was er eigentlich gerade gesagt hatte – nämlich, wenn er es durch ein noch tolleres dictum oder eine noch monströsere Tat gerade schon wieder in den Schatten gestellt hatte; und die Hypnose seines Publikums, das dem Zauber des Ekelhaften und dem Rausch des Bösen immmer widerstandsloser erlag.

Trump ist nicht Hitler. Aber er scheint einige der dämonischen Züge zu besitzen, die auch Hitler besaß. Zuerst und vor allem: die rücksichtslose Gabe, alles so zu deuten, wie es zu seiner Theorie der Welt passt. Nichts, wirklich nichts, kann seine Weltsicht erschüttern. Er ist total in seiner Weltsicht gefangen. Das ist der elementare Wesenszug des Paranoikers, des sich von der Welt abkapselnden Verschwörungstheoretikers – und letztlich auch der totalitären Bewegung, wie sie von Hannah Arendt beschrieben wurde.

Es ist keineswegs ausgemacht, dass Trump zum totalitären Diktator wird. Vielleicht scheitert er sehr bald, nicht zuletzt an sich selbst. Aber es kann nicht schaden; es wird vielleicht sogar notwendig sein, ihn aktiv aufzuhalten. Es wird vor allem nötig sein, seinen grundlegenden charakterlichen Defekt als solchen zu erkennen und auszunutzen, um sich ihm entgegenzustellen. Trump ist sicherlich nicht nur zum Lachen.

Sebastian Schindler ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Exzellenzcluster "Normative Ordnungen" an der Goethe Universität Frankfurt. Er promoviert zu Konflikten in den Welternährungsorganisationen in den Jahren von 1982 bis 1992.

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