Das Konzept der Resilienz in der Sicherheitsforschung

Resilienz, ein Konzept aus der Evolutionsbiologie, hat in den letzten Jahren zunehmend Anwendung in sicherheitspolitischen Debatten gefunden. Resilienz beschreibt das Potential eines Systems, Störungen und Schocks zu absorbieren und möglichst unbeschadet weiter existieren zu können. Mit dem Import des Konzepts in die Sicherheitspolitik wird Resilienz allerdings weniger als emergente Eigenschaft eines Systems und vielmehr als Ziel und Wunschresultat einer Politik, einer Maßnahme oder eines Designs verstanden und instrumentalisiert. Auf diese Weise wird Resilienz auch aktuell in der Sicherheitsforschung auf EU- und nationaler Ebene als zentrale Komponente einer Sicherheitsarchitektur angesichts diffuser, flächendeckender oder akuter Bedrohungen gehandhabt. Vor diesem Hintergrund fallen insbesondere drei kontroverse Merkmale von Resilienz auf, die in diesem Debattenforum aufgegriffen und diskutiert werden:

Erstens, die dominante Deutung von Resilienz als Widerstandsfähigkeit und als Kapazität, den ursprünglichen Systemzustand wiederherzustellen.
Diese im Grunde konservative Interpretation impliziert den Wunsch nach Abwehr und Immunisierung gegenüber allen Veränderungen der Systemumwelt. Dabei geht die Dimension der Lern- und Anpassungsfähigkeit des Systems, die zu Veränderung führt, meistens verloren. Die letztere Interpretation weist viel stärker auf den Wandel von Organisation aber auch von Wahrnehmungen und Kultur in der Sicherheitspolitik hin.
Zweitens, die verbreitete Verwirrung in Forschungsprogrammen und –projekten in Bezug auf die Referenzobjekte, die resilient gestaltet werden sollten.
Sind es die Behörden? Die soziotechnischen Systeme der kritischen Infrastruktur? Ihre privaten und/oder öffentlichen Betreiber? Die Technologien selbst? Die Stadt? Der Staat? Die Gesamtheit der Gesellschaft? Der Fokus und die analytische Festlegung der Referenzobjekte hat weit-reichende Konsequenzen für die Stakeholder, d.h. die Endnutzer, die Entscheidungsträger, die Forschungsindustrie, die Medien oder die zivilgesellschaftlichen Organisationen, die dabei als betroffen betrachtet und auf operativer Ebene engagiert werden müssten.
Drittens, der auffällige High-Tech-Bias in den meisten Resilienz-Entwürfen aus der Sicherheitsforschung.
Meistens soll mit einem markttauglichen, hochtechnologischen „Fix“ alle verletzbaren Stellen des Systems gesichert werden. Die Förderung solcher Lösungen lenkt davon ab, dass einerseits „smart gadgets“ den gegenteiligen Effekt haben und die Störanfälligkeit des Systems erhöhen können. Andererseits, dass die Innovationen, die eigentlich zur Resilienz beitragen, einen breiteren, nicht nur technischen, gesellschaftlichen Charakter haben, welcher sich im Sinne von rechtlichen Regelwerken, inklusiver Stakeholder-Partizipation in der Entscheidungsfindung oder Transparenz in der öffentlichen Kommunikationskultur äußert.

Diesen drei Merkmalen folgend fallen sicherheits- und forschungspolitische Entscheidungen mit marktwirtschaftlichen und ethisch/normativen Fragen zusammen, die in dieser Artikelserie diskutiert werden sollen. Zusammengestellt wurde sie von Georgios Kolliarakis.

Beiträge:

Myriam Dunn Cavelty

Myriam Dunn Cavelty

Das Resilienz-Paradox: Zwischen Ohnmacht und Allmacht

Myriam Dunn Cavelty ist Dozentin für Sicherheitspolitik und Leiterin der Forschungsgruppe „Risk & Resilience“ am Center for Security Studies der ETH Zürich.


Stefan Kaufmann

Stefan Kaufmann

Resilienz – ja, bitte! Nur wie?

Stefan Kaufmann ist Professor am Institut für Soziologie und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Centre for Security and Society der Universität Freiburg.

 


Oliver Ibert

Oliver Ibert

Vulnerabilität und Resilienz – die Notwendigkeit einer Beobachterperspektive zweiter Ordnung

Oliver Ibert ist Professor für Wirtschaftsgeographie am Institut für Geographische Wissenschaften an der Freien Universität Berlin.

 


Andrew B. Wootton, Caroline L. Davey

Whose resilience is it anyway?

Andrew B. Wootton und Caroline L. Davey arbeiten am Design Against Crime Solution Centre der Universität Salford. Caroline Davey ist die Direktorin des Forschungszentrums.

 

Julia Mayer

Resilienz und Bevölkerungsschutz – eine Frage des Selbstschutzes?!

Julia Mayer ist Referentin beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

 

Christoph Gusy

Resilienz der Gesellschaft oder resilient society?

Christoph Gusy ist Professor an der Universität Bielefeld und hat dort den Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Staatslehre und Verfassungsgeschichte inne.

 

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