Profiling am Flughafen: Wandel globaler Sicherheitskultur?

von Valentin Rauer

Kurz vor Silvester sah sich der designierte Vorsitzende des deutschen Flughafenverbandes (ADV) Christoph Blume einer heftigen öffentlichen Kritik ausgesetzt. Grund war sein Vorschlag die zukünftigen Flughafenkontrollen nicht auf technisches Screening zu beschränken, sondern durch aktives Profiling deren Effizienz zu optimieren [Quelle]. Die öffentlichen Proteste waren heftig.

Beispielsweise titelte die faz.net: ‚‚Profiling an deutschen Flughäfen?: Stigmatisierend, diskriminierend und entwürdigend“ –und die DIE ZEIT-de: „Passagier-Profiling: Riskant, verfassungswidrig, sinnlos“ (beide 29.12.2010). Für Politiker und Medien erschien die Methode, Passagiere nach ethnischen Kriterien und Herkunft jeweils unterschiedlich intensiv zu kontrollieren, übereinstimmend rassistisch und diskriminierend. Diese Kritik greift jedoch zu kurz. Es handelt sich bei der geplanten Neustrukturierung nicht lediglich um eine Diskriminierungs- und Rassismusproblematik, sondern um einen ‚sicherheitskulturellen Wandel’ [Quelle] mit erheblicher gesellschaftlicher und politischer Tragweite.

Eine neue globale Sicherheitsphilosophie

Hintergrund der Vorschläge sind die Überlegungen einer Arbeitsgruppe der internationalen Flughafenvereinigung IATA auf einer Pressekonferenz am 15.12.2010 [Quelle] in Genf. Laut Arbeitsgruppe steht die aktuelle Sicherheitsphilosophie vor einem grundlegenden Dilemma, die nicht nur technische, sondern auch politische Dimensionen habe. Jeder neue Anschlagsversuch von Terroristen führe zu immer weiteren Kontrollen, die den Flugverkehr als wirtschaftlich profitables Wachstumsfeld strukturell gefährden, ohne dass diese weiteren Maßnahmen zu einer tatsächlich verbesserten Sicherheitslage geführt hätten: "What is already clear is that the existing model has created long lines, inconvenienced passengers, and has not resulted in higher detection levels of threatening objects" [Quelle]. Beispielsweise sei aus Sicht der Flughafenverbände u.a. die neue (‚Nackt’-)Scanner-Technologie zu teuer (40% des gesamten Sicherheitsbudgets würde eine flächendeckende Einführung verschlingen), aufgrund ihrer visuellen Grenzüberschreitung verstörend und zu zeitaufwändig. Die neue „Sicherheitsphilosophie“ (ebd.) will diese rein technikbasierte Rüstungsspirale der ‚Advanced Image Technology’ (AIT) verlassen. AIT, so ein Sprecher, habe einen grundlegenden Fehler: es suche nach gefährlichen „Objekten“ und nicht nach gefährlichen "Menschen" [Quelle]. Nicht die gefährlichen Objekte, sondern die Gefährder seien jedoch das entscheidende Problem.

Welche einzelnen Maßnahmen sind geplant? Die bisherige, sich auf passive Beobachtung stützende Kontrolle soll durch aktive Befragungen und intelligenten Informationssystemen erweitert werden. Statt passiver Sicherheit durch technische Detektoren also ein aktives „Risikomanagement am Checkpoint“ (ebd.) durch soziale Erkennungsverfahren. Für Hub’s mit ihrem hohen Passagieraufkommen sei dies durch ein Tunnelverfahren effizient zu verwirklichen. Das Tunnelverfahren selektiert in drei verschiedene Akteurstypen, anhand ihres Risikogradienten: der „Known Traveler“, der (unknown) „Normal Traveler“ (ebd.) und potentielle Gefährder. Der jeweilige Risikogradient wird anhand des gespeicherten Wissens über das soziale Verhalten der jeweiligen Passagiere ermittelt (Zahlungsmodus, Alter, Familie oder Alleinreisen, Herkunft und weitere geheime Kategorien). Der jeweilige Risikogradient ermöglicht ein automatisierbares effizientes Verfahren, welcher der drei Kontrolltunnel zu passieren sei. Die Tunnel der Known Traveler werden weniger, die der Unknown Traveler mehr und die Gefährder maximal kontrolliert.

Sicherheitskulturelle Konsequenzen

An dieser Stelle soll nicht über die tatsächliche sicherheitstechnische Effizienz eines solchen Systems diskutiert werden. Stattdessen geht es um die sicherheitskulturellen Effekte dieses ‚aktiven Risikomanagments’ für die Individuen. Das Tunnelverfahren behandelt nicht alle Individuen gleich, sondern setzt Kollektivvorstellungen institutionell in die Realität um. Der Known Traveler ist im globalen Dorf der ‚Nachbar’ oder der ‚Bekannte von Nebenan’. Aufgrund seiner elektronischen Spur, die er im Laufe seines sozialen Verhaltens und Reiselebens hinterlässt, ist er eine Art globaler ‚Freund’. Dem ‚Freund’ steht der globale Gefährder als ‚Feind’ gegenüber. Als dritte Zwischenfigur findet sich der Unbekannte, der ‚Fremde’, der aufgrund einer mangelnden elektronischen Spur weder der einen noch der anderen Kategorie zugeordnet werden kann. Das Tunnelsystem kennt keine Individuen mehr, sondern ‚Freunde’, ‚Feinde’ und ‚Fremde’. Das System ethnisiert oder diskriminiert nicht nur, sondern realisiert performativ neue soziale Kollektive, die die Vorstellung einer Welt von freien und gleichen Individuen konterkarieren. Performativ, also im Vollzug der jeweiligen Tunnelpassage, verwirklichen sich drei grundlegende soziale Typen, die bisher nur im politisch Imaginären existierten [Baumann, Ambivalenz und Moderne, 1995]. Das Tunnel-Verfahren ist also nicht einfach diskriminierend oder rassistisch, sondern setzt qua Verfahren soziale Typologien in die Welt, die sichherheitskulturell immer relevanter werden [Daase/Kessler, From Insecurity to Uncertainty, 2008].

Diskriminierung und Rassismus ist ein Skandal, weil eine ethnisierte Minderheit einer individualisierten Mehrheit gegenübersteht. Für die Mehrheit gelten Individualrechte, für die Minderheit nicht [Rauer, Die öffentliche Dimension der Integration, 2008]. Das Tunnelverfahren operiert demgegenüber auf der Ebene des Individuums selbst indem es Freunde, Feinde und Fremde unterscheidet. Die gesellschaftlichen Langzeitwirkungen eines solchen sicherheitskulturellen Wandels sollten keinesfalls unterschätzt werden. Es handelt sich nicht lediglich um Bilder von individuellen Körpern wie beim sogenannten ‚Nacktscanner’, sondern um einen performativen Eingriff in die kollektive Selbstwahrnehmung einer Gesellschaft, die ihren Erfolg auch der Idee verdankt, aus freien und gleichen Individuen zu bestehen.

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