#SpyFiles: „The new great game“ für WikiLeaks?

von Andrea Jonjic

Eigentlich sollte es bei der heutigen Pressekonferenz in London um das neue technische System der Plattform gehen – SSL sei nicht mehr sicher, man bastele an einem „state-of-the-art secure submission system“, hieß es. Doch davon war auf der Pressekonferenz keine Rede mehr. Stattdessen wurde die „neue Phase“ von WikiLeaks mit einer neuen Veröffentlichung eingeleitet: den #SpyFiles.

Die Veröffentlichung auf wikileaks.org erfolgte zeitgleich mit der Präsentation vor Journalisten und interessierten Zuhörern, auch ein Live-Stream war verfügbar. Julian Assange stellte den neuen Leak gemeinsam mit Jacob Applebaum, Eric King von Privacy International, dem französischen Journalist Jean Marc Manach, Dr. Steven Murdoch von der Universität Cambridge und dem indischen Journalist und Autor Pratap Chatterjee vor.  Es handelt sich um 287 Dokumente verschiedener Formate über Einsatz und Export von Spionagesoftware, weitere sollen in den nächsten Wochen folgen. Auch bei diesem Leak arbeitete WikiLeaks mit verschiedenen Institutionen und Medienvertretern zusammen: Neben Privacy International, der Washington Post und dem Bureau of Investigative Journalism erfolgte die Zusammenarbeit in Deutschland laut WL mit der ARD.

“Who has an iPhone? Who has a blackberry? Who has gmail? Well then, we're all screwed!”, mit diesen Worten leitet Julian Assange seinen Vortrag ein. In einem kurzen Film wird vorgestellt, wie einfach es heutzutage ist, mit einer kleinen Software unbemerkt ein Mobiltelefon zu hacken. Die italienische Firma Hacking Team beispielsweise wirbt in einer Präsentation mit einer Software, durch die bei iPhones, Blackberrys und Handys unter WindowsMobile ohne Wissen des Nutzers eMails und SMS mitgelesen, Gespräche abgehört, sowie Snapshots mit der integrierten Kamera gemacht werden können.

Die Existenz solcher Software ist bekannt – WikiLeaks geht es um etwas anderes: Zum einen um den breiten und immer leichteren Einsatz von Überwachungstechnologien, die seit 9/11 einen Boom erlebt. Zum anderen um den Export von Spionageprogrammen in Diktaturen. Genannt wurde Eagle Glint, ein Überwachungs-Programm der französischen Firma Amesys, das seit 2009 in Lybien verwendet wurde. Dieses sei laut Assange jedoch nicht nur in Lybien zum Einsatz gekommen, sondern auch in den USA und Großbritannien, wo 15 lybische Journalisten und ein Anwalt des Bureau of Investigative Journalism mit dieser Software überwacht wurden.

"These surveillance systems are used to hunt people down and murder them. They are weapons.", sagte Jacob Applebaum, und auch Dr. Steven Murdoch erklärte, in Lybien sei lediglich die Spitze des Eisbergs zu sehen gewesen. Jean Marc Manach verwies darauf, dass es jedoch nach dem Recht nicht verboten ist, Spionagesoftware in Länder zu verkaufen, selbst wenn sie in diesen verboten sei. Es fehle schlichtweg ein Regelwerk zum Export solcher Technik.

Assange sagte, WikiLeaks habe an diesem neuen Leak als Rechercheur gewirkt, viele der Dokumente sind nicht geheim. Die „Mass attack on mass surveillance“ scheint eher durch umfassende Darstellung erfolgen zu sollen, so gibt es z.B. eine interaktive Grafik, die das weltweite Ausmaß von Internet- und Telefonüberwachung, dem Einsatz von Trojanern (hierbei werden nur wenige europäische Staaten, darunter Deutschland, markiert) und GPS Tracking darzustellen versucht.

Die Folge ist für Assange klar: "We have to reengineer the basic security structure on the internet", denn: „We are in a totalitarian surveillance state“. Wie dieses Mammutprojekt jedoch umgesetzt werden kann und soll, dazu äußert Assange sich nicht. Auch zu dem eigentlichen Thema der Pressekonferenz, wie die Gewährleistung der Anonymität von Whistleblowern bei WikiLeaks zukünftigt erfolgen soll, fiel kein Wort.

Daher bleibt zu fragen, wie WikiLeaks ihr "new great game" (Assange) angehen will. Die Forderung: „We need rules, we need scrutiny", die im Panel fiel, reicht jedenfalls kaum aus, um eine klare Vorstellung des Comebacks von WikiLeaks zu bekommen.

UPDATE: 

"Die ursprünglich für den heutigen Donnerstag angekündigte Vorstellung einer neuen Einreichungs-Plattform für Wikileaks wurde von Assange auf ein künftiges Datum verschoben. Man habe bewusst geflunkert, um die gemeinsame Attacke nicht zu gefährden."

3 Kommentare

  1. Das Ministerium zieht den Skalp (grad kein Hut greifbar) vor der sprachlichen wie inhaltlichen Inneren Schönheit und der äußerlichen Neutralität, Miss Jonjic!

  2. thx @mfis!

    UPDATE:

    Für die ARD erklärte ein Sprecher des derzeit federführenden WDR auf Anfrage, es gebe keine offizielle Partnerschaft der ARD mit Wikileaks.

    >> http://www.heise.de/newsticker/meldung/The-Spyfiles-sollen-Licht-ins-Geschaeft-mit-Ueberwachungssoftware-bringen-1388359.html

    Hm… keine? Oder keine offizielle?

    • Scheinbar geht es bei der „Zusammenarbeit“ mit der ARD lediglich um eine Berichterstattung von „FAKT“ (MDR: http://www.mdr.de/fakt/software102-download.pdf), die als Inspirationsquelle für das Dossier #SpyFiles diente.

      Das klingt auf http://wikileaks.org/the-spyfiles.html ganz anders: „Working with Bugged Planet and Privacy International, as well as media organizations form six countries – ARD in Germany…“

      PR-Maßnahme von WL?

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