Ein Schutzengel für die Heimatfront

von Philipp Offermann

Die Bundesrepublik Deutschland tut sich traditionell ja immer etwas schwer mit ihrem Verhältnis zum Militärischen. Das ist auch gut so, denn das war nicht immer so: So läßt sich vielleicht die gebrochene Haltung der deutschen Öffentlichkeit gegenüber der Bundeswehr und ihren Aktivitäten auf den Punkt bringen. Daran konnten bisher auch die Bücher der heimkehrenden Soldaten nichts ändern, die an einem schönen Tag zu sterben aus der Endstation Kabul vom Knurren der Panzer im Frühling zu berichten wissen.

Doch zumindest im popkulturellen Mainstream hat sich mittlerweile eine zupackendere Haltung etabliert. Seit die ARD (und hier besonders der SWR) im Jahr 2008 eine ganze Reihe von Veteranenfilmen ins Programm gehoben hat, ist der deutsche Afghanistan-Heimkehrer als wiederkehrende Figur etabliert. Waren 2008/2009 noch vor allem freistehende Fernsehfilme (Nacht vor Augen, Willkommen zuhause) mit dem Thema befasst, so haben sich in jüngerer Zeit vor allem Tatort-AutorenInnen das Topos aufgegriffen: Im Januar 2011 der vielbeachtete Saarbrücken-Tatort Heimatfront und kommenden Sonntag schickt der WDR seine Kölner MilieuforscherErmittler in Fette Hunde zur Bundeswehr.

Zum vorläufigen Höhepunkt dürfte es dann Ende September kommen, wenn Warner Bros. den Film Schutzengel in die Kinos bringt. In diesem Thriller spielt Til Schweiger, der auch Regie geführt hat, einen ehemaligen Afghanistan-Kämpfer, der sich nun alsPersonenschützer durchs Leben schlägt. Besondere Authentizität soll durch den soeben veröffentlichten Trailer bewiesen werden, in welchem Bundeswehr-Angehörige dem Film "Gänsehaut"-Feeling und ein Händchen für "die Gefühlswelt von Soldaten im Einsatz" bescheinigen. Das Schweiger auf Bundeswehr-Kosten ins deutsche Feldlager Masar-i-Scharif geflogen wurde, hat angesichts dieser Vermarktungsstrategie einen gewissen Nachgeschmack (Zeit, BZ) - zu nah liegen hier die geäußerte "Wertschätzung" (Schweiger zur Bild-Zeitung) und die kommerzielle Wertschöpfung zusammen.

[youtube Qu02VxvQ42k Trailer "Schutzengel"]

Diese Gefühlswelt der heimkehrenden Soldaten, deren fiktionale Darstellung auch schon in früheren Veteranenfilmen gelobt wurde, offenbart allerdings einige Besonderheiten. Afghanistan, so lernt es das deutsche Fernsehpublikum, ist vor allem eine Angelegenheit für Männer, die den erlebten Schrecken in bester küchenpsychologischer Deutung nach der Rückkehr tief in sich vergraben. Der einfache Deal "Frieden und Entwicklung in Afghanistan – Sicherheit für uns" (so der Titel einer Broschüre der Bundesregierung) funktioniert nicht recht, da die traumatisierten Veteranen in der deutschen Heimat zunächst für Unruhe sorgen. Auch, weil die Gesellschaft nicht bereit ist für die verstörenden Erlebnisse ihrer Soldaten. 

Ich will deinen verdammten Krieg nicht hier in meinem Haus, ich will meinen Frieden!

Erst wenn der Einsatz nach einer persönlichen Krise als verantwortungsvolles Handeln erzählt wird, sind die Soldaten mit der Heimat und mit ihren Familien versöhnt. Passiert dies nicht (wie etwa im hervorragenden Polizeiruf Klick gemacht), bleibt auch die deutsche Gesellschaft gespalten.

Eine solche Erzählung der deutschen Afghanistan-Einsätze ist an sich nicht überraschend. Bemerkenswert ist allerdings, wie sehr diese Muster alle bisherigen Veteranenfilme durchziehen und damit auch stabilisieren. Eine ausführlichere Analyse der ersten Welle deutscher Afghanistan-Veteranen-Filme ist in einem soeben erschienen Artikel nachzulesen [Engelkamp/Offermann: It's a Family Affair, ISP 13/3].

3 Kommentare

  1. Der WDR-Tatort vom vergangenen Sonntag (2.9.) widmet sich erneut dem Thema der deutschen Afghanistan-Heimkehrer. Im Gegensatz zu früheren ARD-Produktionen, die sich vor allem mit den Traumata der Bundeswehrsoldaten befasst haben, geht es in Fette Hunde um das Schicksal der jungen Afghanin Amina.

    Als Dolmetscherin für die Bundeswehr in Afghanistan tätig, gelangen sie und ihr Bruder Milad über Umwege als Drogenkuriere von Kabul nach Köln. Als Milad nach der Ankunft in Deutschland von seinem Auftraggeber getötet wird, setzt ein Wettlauf gegen die Zeit um Aminas Leben ein, denn sie trägt noch immer die sich langsam auflösenden Heroinpakete in ihrem Körper. Dieser ist gleich in doppelter Hinsicht Objekt männlicher Begierde: nicht nur die Drogenhändler wollen sich Aminas wegen der Drogen, die sie in sich trägt, bemächtigen, der Zuschauer erfährt bald, dass sich ihr deutscher Kollege, der Bundeswehrdolmetscher Sebastian, in Afghanistan in die „hübsche Afghanin“ (Hamburger Abendblatt) verliebt hat.

    Um die Geschichte vom Einbruch des Afghanistan-Einsatzes in den friedlichen Alltag daheim zu erzählen, setzt der Tatort aus Köln in vielerlei Hinsicht auf genretypische Genderrollen: So sehen wir in der Eingangsszene die deutsche Soldatenfrau Lissy vor dem Flughafenterminal stehen, wie sie mit Tränen in den Augen ihren heimkehrenden Ehemann erwartet. Dieser kann sich jedoch nicht in den Alltag zu Hause einfinden. Es kommt zum Streit mit dem pubertierenden Sohn, der den Afghanistan-Einsatz des Vaters nicht nachvollziehen kann, und zu weiteren familiären Konflikten, die bis ins eheliche Schlafzimmer reichen. Die Rolle der Ehefrau wird dabei ganz traditionell definiert: sie organisiert die Willkommensparty, kümmert sich um den Sohn, kocht Kaffee und bereitet das gemeinsame Abendessen. Als sie jedoch ein Foto findet, das Sebastian mit Amina in intimer Umarmung zeigt, weiß Lissy (und der Zuschauer), dass die beiden in Kabul ein Paar waren. Unterdessen irrt Amina verzweifelt durch die fremde und bedrohlich erscheinende Stadt Köln. Als sie schließlich Sebastian in seinem Haus antrifft und ihn um Hilfe bittet, fühlt dieser sich derart von ihr unter Druck gesetzt, dass er in Panik den Familienhund erschießt. Die Spannung des Films wird am Ende aufgelöst, indem sich Sebastian für seine Familie und gegen seine Geliebte entscheidet. Hierzu muss er sie jedoch verraten: am Ende wird Amina zwar gerettet, sieht jedoch ihrer Abschiebung entgegen, und auch Sebastian zieht es erneut nach Afghanistan.

    Popkulturelle Texte wie Fette Hunde zeigen durch ihre dramatische Zuspitzung besonders anschaulich, wie bestimmte Narrative in einem politischen Diskurs funktionieren: Die gebrochene Figur des traumatisierten Heimkehrers ist dabei in vielerlei Hinsicht emblematisch für ein Deutschland, das zwar verantwortungsvoll handeln will und daher seine Soldaten in den Krieg schickt, aber eigentlich doch lieber heute als morgen den Rückzug antreten möchte. Spannend ist in Fette Hunde vor allem, wie die ambivalente Beziehung zu einem feminisierten Afghanistan repräsentiert wird: am besten nur als ein kurzer Flirt mit der exotischen Anderen – am besten ohne ernsthafte Konsequenzen. Der fremde Körper von Amina ist zwar das Objekt männlicher Begierde, soll sich aber auf Kabul begrenzen und darf keinesfalls in die deutsche Wirklichkeit eindringen.

    Passiert dies dennoch, wird der afghanische weibliche Körper zur Bedrohung, da durch sein Eindringen in die scheinbare heimische Ordnung die Grenzen zwischen dem Hier und Dort verwischt werden. Dabei lernen wir nicht nur einiges über die Schwierigkeiten dort – die Armut der afghanischen Landbevölkerung, endemische Gewalt, Drogenanbau – es werden auch die mühsam verborgenen Bruchstellen in der Heimat offen legt. So treffen wir wieder auf die bekannten Protagonisten des Veteranenfilms, die dieses Genre als Sonderfall des männlichen Melodramas auszeichnet: gebrochene und versehrte Kriegsheimkehrer, die von ihren Frauen verlassen wurden, von der deutschen Gesellschaft nicht verstanden werden und sich nicht mehr in diese integrieren können. Für sie bleibt nur der Krieg:

    „Bewerbungsgespräch? Vergiss das, Mann. Das bringt eh nichts. Ich hab‘ das schon tausend Mal hinter mir. Wir werden nicht mehr gebraucht.“

    Am Ende ist die symbolische Ordnung erst wiederhergestellt, wenn die klassischen Genderrollen wieder funktionieren: Amina wird abgeschoben, die heterosexuelle Kernfamilie ist wieder vereint, und der Soldat kann auf ein Neues in den Krieg ziehen. In der Schlussszene ist es Sebastians Sohn, der seinem Vater am Flughafen hinterherschaut, als würde er für eine neue Generation stehen, die sich ihrerseits auf eine Austauschbeziehung mit dem/r exotischen Anderen einlassen wird.

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