Stricken als politischer Protest

von Gabi Schlag

Mittlerweile ist es ruhig geworden um Pussy Riot - hier und da noch ein Artikel über die Degeneration des russischen Rechtsstaates, der Kritiker zu langjährigen Haftstrafen verurteilt und zur Besserung ins Arbeitslager schickt (FAZ, 6.9.2012).Dabei sind die Aktionen von Pussy Riot ein Paradebeispiel für die politische Ambivalenz von Kunst.

Sicherlich lässt sich darüber streiten, ob Aktionen wie "Suppenhuhn"  - eine Aktivistin der Gruppe Woina wandert in einem Supermarkt umher und stopft sich schließlich ein Suppenhuhn in ihre Vagina - mehr sind als pubertäres Rebellentum. Kunstschaffenden ging es jedoch immer wieder darum, zu provozieren und die Grenzen des (vermeintlich) guten Geschmacks zu überschreiten. Renommierte Künstler wie Jef Koons, Damien Hurst oder Christoph Schlingensief sind hierfür nur die prominentesten Beispiele. Koons fotografierte sich einst in Sex-Posen mit der italienischen Pornodarstellerin und Politikerin Cicciolina - die Fotos verursachten, wie zu erwarten, ein enormes Medienecho ("Made in Heaven").

Kunst will nicht gefallen, sondern irritiert, hinterfragt und fordert heraus. Protest und Opposition benötigt die symbolische Grenzüberschreitung, nicht nur um mediale Aufmerksamkeit zu erhalten, sonder auch, um die Repressionen des Staatsapparates uns seiner tragenden Institutionen zu offenbaren. Dass man mit der Inszenierung von Körper, Geschlecht und Gewalt nicht übereinstimmen muss, ist eine ganz andere Geschichte. Pussy Riot haben uns vor Augen geführt, dass der russische Staat alles andere als ein Rechtsstaat ist. Das ahnten wir sicherlich auch schon nach der Verurteilung von Michail Chodorkowskij - jetzt ist klar, dass Putin es nicht duldet, von ein paar Frauen der Lächerlichkeit preis gegeben zu werden. Das Wochenende naht und die Tage (und Nächte) werden langsam kühler. Im Lichte der politischen Großwetterlage in Russland scheint jetzt genau der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein, mit dem Stricken anzufangen - und nicht nur für Frauen.
Die Strickanleitung zu modischen Protestmasken in bunten Farben gibts hier.

Schönes Wochenende!

1 Kommentar

  1. Zur politischen Rolle von Kunst passt auch eine aktuelle Aktion des Münsteraner Künstler-Duos Jaepas (http://www.sozialpalast.de/kunst/), die mit ihrem Projekt einen kreativen Beitrag zur lokalen Diskussion um eine mögliche Rückbenennung des Schlossplatzes nach Paul v. Hindenburg beigesteuert haben. Die Bürgerinitiative „Pro Hindenburgplatz“ hatte zuvor erreicht, dass diese Frage nun per Bürgerentscheid entschieden wird.

    Die Künster läuteten in der Pizzeria Peppino „la deutsche Vita“ ein, indem sie ein Foto auf die Unterseite der Pizzakartons druckten, das den Generalfeldmarschall gemeinsam mit Adolf Hitler zeigt und mit dem Verzehren der Pizza Stück für Stück zum Vorschein kommt. Die Botschaft: das Öffentliche dringt manchmal bis in den privatesten Bereich des Alltags vor, manchmal gar bis auf den Teller, und das Private kann mitunter sehr politisch sein.

    Die Reaktionen auf diese Aktion ließen nicht lange auf sich warten: kurz darauf untersagte das Gesundheitsamt die Fortführung des Projekts aus Verbraucherschutzgründen, nur um diese Entscheidung nach stürmischen Protesten und einer Unbedenklichkeitsprüfung wieder zurückzunehmen. Stattdessen kritisieren nun Hindenburgfreunde die von Kulturamt und Land NRW geförderte Aktion als verdeckte Unterstützung der Gegenseite in einer immer emotionaler geführten Diskussion. Um die Gemüter zu beruhigen, hat Pizzaverkäufer Giuseppe Tedesco (sic) nun eine „Pizza Schlossplatz“ kreiert – „belegt mit Hindenburgschinken“.

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