Wissenschaftliches Bloggen, Abriss des Elfenbeinturms und skurrile Suppenhühner – ein Rückblick

Aus der Redaktion

Seit einem Jahr gibt es nun bereits das Sicherheitspolitik-Blog: Am  7. November 2011 eröffneten wir auf www.sicherheitspolitik-blog.de die Pforten für eine Reihe über Wikileaks, getragen von einigen Studierenden aus einer Lehrveranstaltung an der Uni Frankfurt (mehr dazu hier). In den folgenden Wintermonaten ging es folglich vor allem um geleakte Botschaftsdepeschen, Transparenz, Whistleblowing und ein mögliches Comeback von Julian Assange und seiner Plattform. Im April 2012 gingen wir dann mit dem Blog in unsere nächste Phase über: Das Forschungsprojekt Sicherheitskultur im Wandel verlegte seine vorherige stand-alone-Blog-Lösung in diese Präsenz, und das verlieh dem Sipoblog auch gleich eine gehörige Portion patina. Der Sicherheitskultur-Blog ist nämlich ein ganzes Jahr älter und seit November 2010 live. Damit feiern wir also gleich Doppelgeburtstag: Zwei Jahre Sicherheitskultur-Blog, ein Jahr Sicherheitspolitik-Blog!

Bloggen und Wissenschaft

Mit diesem Hybrid-Status bewegen wir uns seither im Internet und sind ganz zufrieden damit. Als wissenschaftliches Gruppenblog haben wir es ja auch per se nicht ganz leicht. Denn Wissenschaftler zum Bloggen zu bewegen, ist nicht einfach. Wer das Medium Internet erstmal nur als Konsument nutzt und kennt, sieht wenig Mehrwert darin, freiwillig neben der eigentlichen Arbeit noch Blogposts zu schreiben. Denn die eigentliche Währung der (Sozial-)Wissenschaft sind und bleiben Artikel in Fachzeitschriften (zu denen gemeinerweise nur schwerlich Zahlen zur Nutzung erhoben werden können) - ein Blogbeitrag, der dagegen "nur" hundert Zugriffe verzeichnet, gilt trotzdem als begründungsbedürftig. Aber es wird immer besser, denn die positiven Beispiele für gelungene wissenschaftliche Blogs werden mehr - nicht nur im angelsächsischen Raum, siehe etwa unsere kleine, feine Blogroll.

Die vermutete technische Hürde ist sicherlich ebenfalls ein weiteres Problem, denn die Geisteswissenschaft zeigt sich leider oft nicht von ihrer technikaffinen Seite. Dass gerade im Netz die Möglichkeit zu einer besseren Kommunikation zwischen geisteswissenschaftlicher Forschung und der Öffentlichkeit außerhalb universitärer Zirkel gegeben ist, wird oftmals übersehen. Die Disziplin der Politikwissenschaft, so wie viele andere Disziplinen in den Sozial- und Geisteswissenschaften, muss hier noch einiges an ihrer Scheu verlieren. Es gibt sicherlich einiges an interessanten - und relevanten - Beobachtungen zum gesellschaftspolitischem Diskurs beizusteuern. Und diese Beiträge stoßen anscheinend, trotz oftmaligem Nischencharakter, auf Interesse.

Denn, und das ist die erste Erkenntnis unserer kleinen Rückschau: Mit 90 posts in zwei Jahren fühlen wir uns ziemlich gut aufgestellt, das ist im Schnitt knapp ein Beitrag pro Woche. Und die Tendenz ist deutlich ansteigend: 15 post in den letzten zwei Monaten ergibt schon einen 1,5er-Schnitt. Und auch das ist die nächste Erkenntnis: Je regelmäßiger geschrieben wird, desto mehr Menschen lesen. Aktuell verzeichnen wir knapp 1.000 unique visits im Monat und 2.000 pageviews, Tendenz stark steigend. Das ist nicht die Welt, aber für ein wissenschaftliches Nischenblog in Deutschland ohne große Fach-comunity ist es ein guter Anfang.

Anders sieht es mit Kommentaren aus: Falls es jemals unser Anspruch war, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen, dann haben wir das nur punktuell eingelöst. Technisch haben wir auch hier einen Einser-Schnitt, also ein Kommentar pro post. Allerdings sind dort auch pingbacks mit eingerechnet, also automatische Hinweise auf eine Erwähnung des Artikels in einem anderen Blogartikel. Die Artikel, die eine echte Debatte auf dem Blog ausgelöst haben, sind an einer Hand abzuzählen. Das ist zwar schade, stellt aber angesichts einer allgemeinen Kommentarmüdigkeit auch kein Scheitern des Projekts dar. (Auf hypotheses.org gibt es gerade eine aktuelle Umschau verschiedener Positionen zum Thema von Mareike König, sogar mit einer echten Debatte in den Kommentaren). Die Kanäle sind zudem vielfältig geworden, sodass Kommentare uns auf verschiedenen Wegen erreichen: Facebook, twitter, seid Kurzem auch identi.ca.

Was die nackten Zahlen natürlich nicht hergeben ist die gefühlte Präsenz des Blogs und seiner Beiträge. Denn wir bekommen häufig sehr positives Feedback: Im Gespräch mit FachkollegInnen, aus den Ministerien oder auch durch aus der Presse: Die Zeit, der Hessische Rundfunk, die Deutsche Welle, der Deutschlandfunk - viele Pressemenschen haben einzelne Beiträge in ihre Berichterstattung eingebaut oder zum Ausgangspunkt genommen, und manches Mal wurde uns auch ein Gastautor abgeworben. Hier verhält es sich dann analog zum Zeitschriftenartikel, für den man ja auch nicht jeden Morgen gemeldet bekommt, ob wieder jemand energisch durchgeblättert hat.

Worüber wir uns sehr freuen, ist das Engagement von externen Autoren. Immerhin 15 von den 85 bisher veröffentlichten Blogposts wurden von Kollegen aus anderen Projekten, Bekannten und auf Konferenzen Kennengelernten verfasst, das sind 18%. Es ist sehr hilfreich, je nach Themenfeld gewisse Expertinnen anschreiben zu können. Und wenn wir Glück haben, hat diejenige auch Zeit und Lust, dazu etwas zu schreiben. So können neue Themen behandelt und andere Perspektiven aufgezeigt werden, auch über unseren Frankfurter Kreis hinaus.

Analyse der Zugriffsdaten mit skurrilen Ergebnissen

Zu jeder ordentlichen Reflektion gehört natürlich auch das intensive logfile-Studium. Wir können es als akademisches Blog ja etwas ruhiger angehen lassen mit der search engine optimization, trotzdem ziehen wir natürlich einige Erkenntnisse aus der Lektüre unserer Zugriffs-Auswertungen.

Die Liste der referrer, also der Begriffe, die Menschen über Suchmaschinen zu uns führt, ist auch ein echtes Highlight. Dabei ist es zunächst schön zu sehen, dass viele Menschen eine verschlüsselte Verbindung zum großen Bruder google verwenden: 1/3 aller Suchmaschinenanfragen erreichten uns auf diesem Weg. Sehr erfreulich ist auch die Tatsache, dass wir bei manchen Begriffen eine Art google-Hegemonie ausstrahlen (Versicherheitlichung). Wir liefern offensichtlich auch "argumente gegen drohnen", sind "kronzeuge der dolchstoßlegende" oder Experten zur "bedeutung regierungskakofonie". Was allerdings die Menschen wirklich suchten, die über "suppenhuhn vagina" oder "sexposen mit bild und kommentar" zu uns gefunden haben, das wollen wir gar nicht wissen.

Einige weitere kurze Technik-Auswertungen im Bild. Die Kurzfassung lautet: facebook schlägt twitter (das sind die t.co-Verweise); Firefox dominiert das Browser-Feld, und Desktop-PCs sind nicht tot (oder wir total altmodisch). Das unser hauptsächlich deutsches Blog aus Deutschland abgerufen wird, ist auch nicht weiter verwunderlich.

Fazit aus zwei Jahren Bloggen

Zu wenige Wissenschaftlerinnen bloggen. Das wurde nicht nur auf der re:publica deutlich: wenige sehen einen Mehrwert, schaffen es nicht, sich mit Anderen zu verknüpfen oder eine Leserschaft zu erreichen. Es ist auch wirklich nicht leicht, vor allem am Anfang. Wir hatten ebenfalls im Laufe dieser ersten Jahre immer mal wieder eine Artikelflaute (gerade die vorlesungsfreie Zeit ist oftmals auch eine blogbeitrags-freie Zeit). Trotzdem haben wir uns als unabhängige wissenschaftliche Plattform für einen sicherheitspolitischen Austausch in all seinen kulturellen Dimensionen etabliert - und darauf sind wir stolz!

So ein Blog läuft natürlich nicht von alleine, auch nicht für eine Redaktion: Bedanken möchten wir uns bei unseren Hostern von studium digitale der Goethe-Universität Frankfurt, besonders Jörg Demmer steht uns dort zur Seite bei allen unseren möglichen und unmöglichen Anfragen. Ebenso bedanken möchten wir uns beim Bundesministerium für Bildung und Forschung, deren Finanzierung des Forschungsprojekts "Sicherheitskultur im Wandel" auch die Ausstattung dieses Blogs trägt.

Und damit eröffnen wir nun diese Woche, die vor allem Spielwiese ist - wir versuchen uns in neuen Formaten und sind daher mehr denn je dankbar für Kritik, Vorschläge und Glückwünsche. Wer nicht öffentlich kommentieren möchte, kann eine Mail an redaktion[at]sicherheitspolitik-blog.de schreiben. Wir würden uns freuen!

3 Kommentare

  1. Happy Birthday!

    Ein toller Post, der einen schönen Blick über die Geschichte des Blogs bietet und mich einige Male schmunzeln ließ. Super 🙂

    Und auch ansonsten gilt: Weiter so!

  2. Da schließe ich mich gern an: tolles Blog, spannende Texte und gutaussehende Moderatoren! Habe übrigens zu allen (!) bisherigen Beiträgen von mir bei euch in irgendeiner Form externes feedback bekommen, per fb, mail oder persönlich.

    Viele Grüße aus Münster!

    • Danke, danke. Martin war extra noch mal beim Frisör, das zahlt sich halt aus…

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