Krieg! Please retweet.

von Martin Schmetz

Twitter Artikel TeaserGestern startete Israel eine Militäroffensive in Gaza. Es wurden verschiedene Raketenstellungen der Hamas bombardiert und mittels eines gezielten Angriffs Ahmed Jabari, Chef des bewaffneten Arms der Hamas, getötet. Wie aber teilte Israel der Welt den Beginn des Angriffs und die Tötung Jabaris mit? Über den offiziellen Twitter-Account der Israelischen Armee. Twitter ist also scheinbar nun als diplomatisches Sprachrohr akzeptabel. Handelt es sich um eine Trivialisierung der Regierungskommunikation?

Der Twitter-Acount der israelischen Armee ist ohnehin ziemlich aktiv, aber der Tweet vom 14.11. um 7:45 hatte es in sich: „The IDF has embarked on Operation Pillar of Defense.“ Damit war der Militärschlag angekündigt und, wenigstens genau so wichtig im Twitter-Universum, auch gleich ein neuer, griffiger Hashtag definiert worden. Mit Fortschreiten der militärischen Aktionen wurden Erfolge auf dem Twitter-Account mit dem hashtag #PillarOfDefense gemeldet oder auch einfach Stimmung für Israel gemacht. Aber ebenso wurde auch ausgiebig auf die militärische Antwort der Hamas eingangen: Diese wehrte sich mit heftigen Raketenbeschüssen auf israelisches Gebiet, was wiederum zu einem neuen Hashtag führte: #IsraelUnderFire. Während der Autor diese Zeilen schreibt, ist dieser Hashtag übrigens weltweit trending (wie Twitter es wohl ausdrücken würde).

Ebenso wie die israelische Armee hat die Al Qassam Brigade – der bewaffnete Arm der Hamas – einen Twitter-Account. Und ebenso wie der Twitter-Account der israelischen Armee war und ist dieser sehr aktiv, nur dass er eben Stimmung für die Hamas macht, über Erfolge der Hamas berichtet und etwa ein Zehntel der Follower der isralischen Armee hat.

Interessant wird es, wenn diese beiden Accounts direkt miteinander kommunizieren, so wie zum Beispiel hier geschehen:

IDF und Al Qassam streiten sich auf Twitter

IDF und Al Qassam streiten sich auf Twitter

Twitter wird so zu einem Kanal des diplomatischen Austauschs, denn es wird direkter Kontakt zwischen den beiden verfeindeten Seiten hergestellt. Nicht, dass hier großartige Kontaktanbahnung oder tiefsinnige Diskurse stattfinden würden – dies wäre auf 140 Zeichen oder weniger auch einigermaßen schwierig. Stattdessen prallen Tatsachenbehauptungen und Propaganda ungebremst und ungefiltert in einem neutralen Forum direkt aufeinander, und die ganze Welt kann zuschauen.

Das ist diskussionswürdig und in dieser Qualität sicherlich neu (auch wenn vergleichbare Auseinandersetzungen auf Twitter in kleinerem Rahmen schon vorher statt fanden, z.B. zwischen Taliban und NATO-Accounts). Aber mit der zunehmenden Bedeutung von Echtzeitkommunikationsplattformen wie Twitter – insbesondere auch solchen, die die Länge des Beitrags beschränken und allen Nutzern Antworten und Kommentare erlauben – ändert sich anscheinend das Kommunikationsverhalten von Militär und Regierung.

Nicht länger ist ein ausgefeilter Pressetext das Forum für eine offizielle Stellungnahme oder eine Ankündigung. Ein Satz, vielleicht zwei zur Ankündigung, auf Twitter, optional versehen mit einem Link zu einem Blog – das reicht und ist schneller. Die Frage ist nun: Handelt es sich hierbei um eine Trivialisierung der Staatskommunikation? Immerhin vermeidet das Medium schon auf Grund seiner Zeichenbegrenzung ausgefeilte Argumente. Es geht um Statements und Soundbites, mehr aber nicht. Eine kritische Einordnung in der Presse, in akademischen oder politischen Zirkeln ist nur noch verzögert möglich – und das verliert deutlich an Attraktivität, denn die dort besprochenen Themen sind ja bereits „alt“.

Andererseits: Twitter ist ein offenes Forum und jeder kann nicht nur die Mitteilung sehen, sondern auch die Reaktionen darauf. Diskussionen und eine kritische Einordnung sind also weiterhin möglich, sie sind nur demokratisiert – die Deutungshoheit liegt nicht länger in den Händen einiger weniger, theoretisch kann jeder reagieren (auch wenn in der Praxis natürlich einige wenige, einflussreiche Twitter-Accounts deutlich mehr Gewicht haben). Ein Bezug kann auch zeitnah in anderen traditionellen Medien oder in Blogs wie diesem hergestellt werden. Und schließlich erlaubt es gerade die direkte Nebeneinanderstellung von Tatsachenbehauptungen und Propaganda beider Seiten, diese aus der Sicht des beobachtenden Dritten kritisch zu bewerten und sich im Zweifelsfall auf eine der beiden Seiten zu schlagen und diese dann im gleichen Medium zu unterstützen.

Nur: Dann wäre es weniger eine Trivialisierung als eine Popularisierung von Regierungskommunikation. Vielleicht findet der Krieg um die Herzen und Köpfe der Menschen also bald auf Twitter, auf Tumblr, YouTube oder Weibo statt. Und durch alle Diskussionen um die Verlautbarungen der verschiedenen Seiten zieht sich ein Wunsch nach hegemonialer Popularität der eigenen Weltsicht, dem Kampf um Unterstützung der eigenen Standpunkte um andere Meinungen im Hintergrundrauschen untergehen zu lassen: RT if u ♥ this drone strike.

3 Kommentare

  1. Dazu auch:

    Foreign Policy: How Not to Wage War on the Internet http://www.foreignpolicy.com/articles/2012/11/15/how_not_to_wage_war_on_the_internet

    SpOn: Israels Armee twittert über den Gaza-Konflikt http://www.spiegel.de/netzwelt/web/israels-armee-twittert-vom-gaza-konflikt-a-867363.html

    Handelsblatt: Israel zieht gegen Hamas in den Krieg – per Twitter [mit Beispielen auch auf Flickr und Tumblr] http://www.handelsblatt.com/politik/international/nahost-konflikt-israel-zieht-gegen-hamas-in-den-krieg-per-twitter/7393292.html

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