Risikoort Fußballstadion: Wie sich die DFL am Mittwoch entscheiden wird

von Stefan Engert

Update vom 13. Dez. 2012: Abschliessender Kommentar zu den getroffenen Beschlüssen der DFL

Morgen ist der 12. Dezember. Das ist der Tag, an dem die neuen Sicherheitsbestimmungen des Konzeptpapiers „Sicheres Stadionerlebnis“ auf der Mitgliederversammlung des Ligaverbandes zur Abstimmung stehen – und zwar hier und jetzt und nicht später, so fordern es die führenden Innenpolitiker der Bundes- und Länderregierungen. [Hinweis vorab: Wer gleich wissen will, wie das am Mittwoch ausgeht, kann schon direkt zum letzten Absatz dieses Beitrags springen.] Gegen die Verabschiedung und Umsetzung des Konzepts haben die Fans, die je nach subjektiver Sichtweise mal als zahlende und friedfertige Kundschaft und mal als latent krawallbereite Ultras dargestellt werden, die letzten Wochen mit einem Stimmungsboykott protestiert: Die ersten 12 Minuten und 12 Sekunden eines jedes Ligaspiels unterblieben deutschlandweit jegliche Anfeuerungsrufe und Fangesänge – „Ohne Stimme keine Stimmung“. Eigentlich ein klares Zeichen, dass hier noch Diskussions- und Nachverhandlungsbedarf besteht. Trotzdem soll die Deutsche Fußball Liga (DFL) schnellstmöglich zu einer Neuregelung kommen – ansonsten droht der Staat mit einer Regelung von oben und einem in-Rechnung-stellen der Einsatzkosten der Polizei.

Erst letzte Woche haben die Innenminister Friedrich (Bund) und Schünemann (Niedersachsen) noch einmal bekräftigt:

Wenn die Vereine das Sicherheitskonzept beschließen und es zur kommenden Saison umsetzen, werden wir keine Kosten in Rechnung stellen“ (Schünemann) bzw. „Ich finde es nicht lustig, dass einige Vereine noch immer glauben, Gewalt in den Stadien sei eine Erfindung der Politik. Sie ist leider Realität an jedem Wochenende" (Friedrich)

Ob diese Vorgangsweise die Dialog- und Einigungsbereitschaft aller Beteiligten fördert, ist fraglich: Die Positionsdifferenzen der beteiligten Partien, d. h. der Fanvertretungen, der Clubs und der Exekutive (= die Innenministerien und die Polizei), haben sich letzte Woche eher vergrößert als verkleinert. Es täte allen gut, den „Ball flach zu halten“ anstatt zu versuchen, Lösungen über das Knie zu brechen. Lieber sollte man – um nochmals in der Fußballsprache zu bleiben – in die Verlängerung gehen, d. h. sich die Zeit nehmen, die im Raum stehenden Maßnahmen gemeinsam auszudiskutieren, denn es geht weniger um das „was“ als um das „wie“. Schon S. 2 des Konzepts zeigt, dass der Fan als Regelungsadressat zunächst weitgehend vergessen und in den Sicherheitsprozess kaum einbezogen wurde. So geht moderne – d. h. demokratische – Sicherheitskommunikation und -Governance eher nicht.

Zunächst zum „was“: Das sind einerseits die Kunden, d. h. die zahlende Anhängerschaft, die neben dem Spiel der eigenen Mannschaft dazu beiträgt, den Stadionbesuch mit ihren Gesängen und Anfeuerungen zu einem kleinen Erlebnis des Alltags zu machen. Nochmals: Bengalos können und sollten m. E. nicht dazugehören! Es kann, wie Lars Wallrodt schreibt, kein Grundrecht sein, jemandem eine 2.500 Grad heiße Fackel über den Kopf zu halten. Das Verletzungsrisiko ist einfach zu groß. Für immer noch Nichtüberzeugte empfehle ich das mal in dem von ihm aufgesetzten Artikel nachzulesen. Die Fans stört am ehesten die in der Diskussion stehende Abschaffung der Stehplätze, die für viele ein günstiges – manche würden auch sagen ein „originäres“ – Stadionerlebnis überhaupt erst ermöglichen. Das Konzept hingegen betont schon jetzt, dass diese „kein unveränderbarer Besitzstand“ sind. Damit sind die Stehplätze schon mal auf Bewährung gesetzt. Zwar hat ihre Abschaffung der Stimmung in den englischen Stadien seit 1989 – eine Konsequenz aus der Hillsborough-Katastrophe – keinen Abbruch getan und auch in Deutschland gibt es ja bei internationalen Spielen oder Europacup-Spielen diese Regelung, viele befürchten aber ein zunehmend teureres und dann irgendwann dann auch ein nicht mehr erschwingliches Stadionerlebnis, das Fußball immer mehr zu einem Lifestyle-Produkt und Luxuserlebnis gut verdienender Zuschauer und (Business-)Kunden statt Fans macht. Dem Fußball drohe so der schleichende Verlust seiner Basis und Wurzeln.

Der Vorschlag des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier, der von jedem Besucher einen Sicherheitszuschlag von 1 Euro pro Stadionbesuch fordert, um den Einsatz der 2.000 Polizisten pro Spieltag zu finanzieren, hat diese Bedenken eher noch befördert und damit die Lage der Diskussion noch unübersichtlicher gemacht, da dies weder im Konzeptpapier selbst aufgeführt ist noch praktisch etwas bringt: Die öffentliche Sicherheitsbereitstellung in den Stadien der 1. Bundesliga kostet den Steuerzahler jährlich ca. 100 Millionen Euro (falls sie es nicht wussten: Fans sind natürlich auch Steuerzahler); die Vereine zahlen aber sieben Mal so viele Steuern. Der „Sicherheitseuro“ wäre also Wasser in den Rhein getragen; er ist sowieso über den Fußball als solcher re-finanziert. Ein Hauptpunkt der Fankritik bezieht sich auch auf die Maßnahmen, die (Gäste)Fans mit „Personen-Körperkontrollen“ in Separaträumen (Containern oder Zelten) überziehen zu können, der verstärkten Videoüberwachung mittels Gesichtsscannern sowie notfalls der vollständigen „Reduzierung der Stehplatzkarten […] sämtlicher Tickets für Anhänger des Gastclubs“ bei ausgewählten Risikospielen (vgl. Konzept S. 10, 20-21). Auch hier scheint das Problem nicht so sehr die Maßnahme als solche zu sein, sondern die darunter liegende Annahme, die viele als sogenannte „Pauschalkriminalisierung“ der Fans verstehen: Sie werden schon zu Objekten präventiver bzw. pro-aktiver Sicherheitsmaßnahmen des Staates und damit verdächtig, bevor sich überhaupt eine Straftat ereignet hat.

Am schwierigsten ist die Kompromissfindung für die DFL (die Vertretung der 36 Proficlubs) selbst, da sie zwischen allen Stühlen sitzt: Von oben drückt die Politik, von unten geben die Fans bzw. die Kundschaft und Mitglieder kontra. Jedem Vereinen drohen Geisterspiele sowie empfindliche Geldstrafen, wenn erneute Zwischenfälle wie die Ende Oktober in Dortmund vorkommen. Der Vorstandsvorsitzende des HSV, Carl Jarchow, will gegen die Annahme des Konzepts stimmen und fordert mehr Zeit, um die verschiedenen Maßnahmen bis zur Saison 2013/14 mit den Betroffenen (den Fans) auszudiskutieren: „Ich bin der Meinung, dass wir diesen Zeitdruck […] nicht haben“, sagte er, „wir haben aber die Pflicht, das ruhig und sachlich anzugehen und auch diesen Dialog mit den Fans im Vorwege führen zu können. Bisher war das kaum möglich". DFB-Chef Wolfgang Niersbach sowie der designierte DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig betonen demgegenüber, dass eine Verschiebung der Abstimmung „auch das falsche Signal“ wäre (Rettig), obwohl selbst eingestanden wird, dass die DFL den „Fan in seiner Gesamtheit zu spät mitgenommen“ habe. Das neue Sicherheitskonzept soll scheinbar auf Biegen-und-Brechen verabschiedet werden – es „muss“, sonst reagiert der Staat. Der DFL-Aufsichtsratsvorsitzende Reinhard Rauball hat schon die Befürchtung geäußert, dass im Falle einer Ablehnung des umstrittenen DFL-Sicherheitskonzepts die Autonomie des Profifußballs in Deutschland gefährdet sein könnte: „Es geht um die Frage: Können die 36 Profiklubs ihre Hausaufgaben eigenverantwortlich machen und anschließend auch entsprechend selbstbewusst gegenüber Politik und Polizei auftreten? Denn es geht auch um die Abwehr von Eingriffen aus der Politik.“ Rauball mahnt daher zur Geschlossenheit. Da klingt – bei allem berechtigten Interesse, welches die Exekutive an einer Verregelung des Problems Gewalt im Fußball hat und haben darf – doch eine deutliche Kritik an der Vorgehensweise der Innenminister an. Wie gesagt, demokratische Sicherheitsgovernance und Public-Private-Partnerships funktionieren nur im Dialog und Konsens, aber nicht unter Druck oder mit Kakophonie. Miteinander statt übereinander reden wäre das Gebot der Stunde.

Wie geht’s weiter?

Die sozialwissenschaftliche Prognosefähigkeit ist zwar noch nicht so weit entwickelt wie diejenige anderer Wissenschaften, aber ich werde trotzdem den Versuch wagen, vorherzusagen, wie das am Mittwoch ausgeht: Das neue Sicherheitskonzept wird von der Mitgliederversammlung der DFL mit klarer Mehrheit angenommen. Warum? Wegen dem „Schatten der Hierarchie“: Weil sonst die Politik noch viel härtere Maßnahmen mit evtl. hohen Kosten für die Vereine per Dekret durchsetzt, z. B. diese für die Polizeieinsätze zur Kasse bittet. Das will keiner, denn dann schrumpfen die Gewinne oder die Stimmung (falls das Stehplatzverbot auch noch käme) und darum werden die Mitglieder der 1. und 2. Bundesliga mehrheitlich zustimmen. Außerdem scheinen die Gegner des Konzepts wie z. B. der Hamburger SV, Werder Bremen, der VfB Stuttgart, St. Pauli und Union Berlin nicht wirklich in der Mehrheit zu sein; zu viele Vereine verhalten sich bisher auffallend still. Sicher, es wird etwas dauern, bis über 16 Anträge abgestimmt ist, und es wird vielleicht keine überwältigende Mehrheit geben. Aber ein Scheitern bzw. eine Nichtannahme des Konzepts kann sich die DFL ggü. dem Staat gar nicht leisten. Das Pyro-Verbot wird so sicher kommen wie der Tod und die Steuer – hier hatte sich die DFL schon in den letzten beiden Jahren sehr vage verhalten, was diesmal nicht mehr durchgehen wird: Innenminister Friedrich hat heute nochmals betont, dass er am Mittwoch eine klare Entscheidung fordert. Das ist genauso partizipativ, als würde man seine Kinder fragen, ob sie den Familienausflug am Sonntag nun mitmachen wollen oder eben müssen. Als Mahnung, aber auch als Indikator für die neue Gangart hat das DFB-Sportgericht heute (10. Dez.) schon mal Dynamo Dresden nach den Krawallen in Hannover für die komplette DFB-Pokal Saison 2013/14 ausgeschlossen – nachvollziehbar, denn die Dresdener waren Wiederholungstäter und sowieso auf Bewährung. Als Ausgleich für das Pyroverbot wird sich die DFL ausdrücklich zur (friedlichen) Stehplatzkultur des deutschen Fußballs bekennen.

Und die umstrittenen Sicherheitsmaßnahmen? Die werden in der Praxis natürlich kommen, aber sukzessive und erst in 2013/14 – bis dahin fließt noch viel Wasser den Rhein runter. Das wird dann höchstens noch mal bei bestimmten Risikospielen für punktuelle Aufregung sorgen. Die wahre Arbeit aber werden Spieltag für Spieltag die Fangruppenbetreuer vor Ort zu leisten haben: Sie müssen das alles den Ultras verkaufen und trotzdem dafür sorgen, dass es ruhig bleibt im Fanblock, was keine leichte Aufgabe ist. Aber dafür gibt es im neuen Konzept ja unter dem Stichwort „Prävention“ auch mehr Geld für Fanprojekte. Das kann man ja zum Zwecke der Kooperation und des Ausgleichs noch ein bisschen erhöhen, und das ist auch sinnvoll und notwendig. An dieser Stelle ist das Interview des St. Pauli-Fanbeauftragten Sven Brux in der FAZ eines der aufschlussreichsten, was ich zu diesem Thema gelesen habe. Er ist einer der wenigen, der noch mal an den Anfang zurückgeht, indem er sehr differenziert in Frage stellt, ob wir überhaupt ein neues Sicherheitsproblem in den Ausmaßen haben, wie es die Politik reklamiert. Aber für solche Grundsatzdiskussion ist natürlich keine Zeit (mehr), denn am Mittwoch soll ja primär abgestimmt und ein Zeichen gesetzt werden. Also werden alle Forderungen, noch mal in Ruhe neu anzufangen bzw. sich mehr Zeit zu nehmen, in den Tagungsräumen verhallen. Und sollte es am Mittwoch doch noch zu einer diskursiv hart geführten Auseinandersetzung kommen, wird eben nur das Grobkonzept verabschiedet, und die kritischeren Restpunkte werden in eine „task-force“ ausgelagert – diesmal aber mit allen Beteiligten, auch den Fanvertretern –, denn bis 2013/14 ist ja noch ein bisschen Zeit. So macht das die Politik auch, nur nennt sie das dann „Vermittlungsausschuss“. Da hat man dann auch endlich mal etwas mehr Zeit, zu reden, aber am Mittwoch – das ist eindeutig – steht die Abstimmung im Vordergrund und weniger der Grundsatzdialog.


 

[Update 13. Dez. 2012] Brav so, DFL! In vorauseilendem Gehorsam alles durchgewunken – die 16 Anträge zumeist mit 90 % – ganz so wie von der Politik gefordert und „angedroht“ (vgl. Rauball). Es gibt als Kompensation sogar bis zu 10 Mio. Euro mehr für Fanprojekte – Fanherz was willst Du noch?! ;-) Diese Entscheidungen waren alle erwartbar (q.e.d., siehe unten) und sie sind deshalb auch rational nachvollziehbar, weil die möglichen Kosten einer Ablehnung des Konzepts für die DFL und die Clubs sehr viel höher hätten ausfallen können (Stichwort: Stehplatzverbot oder Polizeikostenübernahme). Im Spagat zwischen Politik und Fans war es daher offensichtlich, dass die DFL der Politik zuneigen musste; für Versachlichung und Diskussion war keine Zeit. Daran kann man – darf man –  Kritik üben, ohne dass es hierbei um weniger Sicherheit oder um mehr (falsche) Toleranz für Ultras oder Pyros geht: Gegen „Gewalt, Rassismus und Pyrotechnik“ zu sein, wie z. B. Karl-Heinz Rummenigge, ist meines Erachtens für alle Beteiligten selbstverständlich. Nicht alle, die an dem Konzept inhaltlich oder in der Vorgehensweise Kritik geübt haben, sind ex negativo einer vermeintlich unfriedlichen Seite zuzurechnen (vgl. Niersbach). ABER das Verständnis der Innenminister und der DFL von Dialog mutet schon etwas grotesk an: Die Politik kommuniziert indem sie fast ausschließlich mit Sanktionen droht,  die DFL sieht sich sogar gezwungen „Eingriffe der Politik“ in ihre gesellschaftliche Autonomie abwehren zu müssen und vergisst dabei ganz die Fans/Kunden mitzunehmen und hat dann, kurz vor knapp, natürlich keine Zeit mehr, bestimmte Streitpunkte mit den Betroffenen partizipativ und kooperativ zu klären – das ist Verbotspolitik und Sicherheitskommunikation „old school“ und sie wird (Ultra-)Fanproteste nach sich ziehen, wie schon von der „12:12“-Kampagne angekündigt.

Die Klubs werden gut beraten sein, noch einmal bilateral mit der eigenen Fanbasis über die Art und Weise der Implementation der neuen Regeln zu verhandeln beziehungsweise das „wie“ genau auszudiskutieren. Die Regeln selbst spiegeln den alten Gegensatz von Sicherheit und Freiheit wieder, wobei die Entscheidung diesmal klar zu Gunsten ersterer gefallen ist – ob auf Kosten der zweiten, ist der spannende Punkt. OK, vielleicht kann wirklich kein vernünftiger oder friedlicher Mensch etwas gegen diese Maßnahmen sagen, aber vielleicht wäre es auch angemessen (gewesen), mal konkreter und länger darüber nachzudenken, welche Instanz im Einzelfall legitimerweise über die Vollkontrollen in den sogenannten „Nacktzelten“ entscheiden (der private Ordnerdienst des gastgebenden Clubs/die Polizei /ein Richter) oder wer die Reduzierung der Gästetickets beschließen darf (der gastgebende Club als Stadionbetreiber/die DFL/eine neutrale Kommission)? Hier stünde dem liberalen Rechtsstaat durchaus die Nachfrage und Forderung nach transparenten Verfahrensabläufen, die den Verdachtsfall bürgerrechtskonform regeln, gut zu Gesicht. Oder etwas polemischer gesagt: Liebe Eintracht-Fans – unser Blog ist ja in Frankfurt/Main beheimatet, was einen Lokalbezug erlaubt – wenn ihr nächstes Jahr wieder nach München fahrt, um das Spiel Eurer Mannschaft gegen den FC Bayern zu sehen, lasst das doch bitte einfach mit den Gesängen schon vor dem Stadion sowie den Schals und den Trikots: Das ist soooo „ultra“ bzw. zu „ultra“ und macht euch einfach nur verdächtig. ;-)

9 Kommentare

  1. Ein sehr lesenswertes und ausführliches Interview hat die FR mit Eintracht Frankfurt-Vorstand Hellmann geführt: „Diese Welle müssen wir aushalten“. Dort wird die Sandwich-Position der Vereine zwischen Politik und Fans sehr deutlich. Und obwohl Hellmann sich klar gegen eine Versicherheitlichung des Themas durch die Sicherheitsbehörden wehrt

    „Denn wir glauben auch, dass der Bundesliga nachhaltig nicht nur Störer und Gewalttäter schaden, sondern auch eine aufgebauschte Sicherheitsdebatte und Zugangsbeschränkungen wie in einem Hochsicherheitstrakt.“

    wird er im Sinne der Handlungsfähigkeit der DFL wohl zustimmen morgen.

    • „Sandwich-Position“ ist zwar ein schöner Begriff, aber er passt diesem Fall nicht. Eine „Sandwich-Position“ hieße, sie geraten zwischen zwei Brotscheiben, er, politischen Programmen. Aber so wie die Narrative in diesem Fall aufgebaut ist, gibt es kein Dazwischen. Um die Narrative zu erkennen, schau auf die (stereotypische) Figuren: es gibt auf der einen Seite die alten, verantwortlichen, sich um Sicherheit und Recht kümmernden, Anzug-tragenden, reichen, weißen Herren, und auf der andere Seite die chaotischen, frivolen, jungen, laut schreienden, ledigen, umgestümen, Halbstarken. (Natürlich gibt es auch Frauen mit Kopftücher im Stadion mittlerweile – zumindest im Neckarstadion – und viele Ultras über 40 mit Kindern und Riesterrenten, die Medien und ihre Darstellungen sind auch an der Sache wesentlich beteiligt, Sponsoren auch, usw. aber es geht hier nicht um die Wirklichkeit, sondern um die Narrative.)

      Die Vereine haben keine Chance, denn es gibt keine Figur für sie, die Narrative gibt nichts mehr her. Im klassischen Freudischen Dreieck wären sie die Mutter voller Mässigung und Vergebung, aber die Rolle gibt es hier nicht. Steht einfach nicht im Drehbuch. Faktisch müssen sich die Vereine mit dem Staat anfreunden, denn man kann die Nachfrage einigermassen ersetzen aber nicht den Markt, bzw. der Ort wo das ganze stattfinden soll. Praktisch ist es undenkbar, dass die Vereinsbosse sich hinter den Fans stellen würden, denn sie sind ja selbst geschäftmachende Anzugsträger, und es wäre für sie viel schwieriger, sich mit den Hoodies zu identifizieren als mit den anderen Anzügen.

      Wenn die Fans noch gewinnen wollen, haben sie 2 Möglichkeiten: 1. können sie versuchen, die Machthaber als Chaoten selbst aussehen zu lassen. 2. können sie versuchen, erwachsener zu wirken. (Eine 3. Option gibt es, aber sie ist UNmöglich, aus dem selben Grund, warum die anderen 2 schwer sind: die Medien wollen die verständliche, familiäre Narrative liefern, und diese lässt Komplexität so wenig zu wie unerwartete Veränderungen).

      Ja, es gibt nur 2 Seiten, und die Fans sind im falschen Film. In Aschenbrödel hätten sie eine Chance, aber in Godzilla ist die Sache schon verloren. (NB, und es *noch* weiter zu ziehen: diese Art von Narrative und die Mechanismen, die sie füttert, ist auch der Grund, warum die Occupy-Bewegung so leicht zu beseitigen war.)

      • Danke für die Klarstellung. Dass sich die suits aus den Vereinsvorständen automatisch mit den suits aus den Innenministerien verbrüdern: Ob sich das sozialisationstheoretisch alles so fein erklären lässt, da bin ich aber nicht so sicher. Dass die Vereine eben aus mehr bestehen als aus ihren Vorständen und den VIP-Lounges, dass hat die 12:12-Aktion schon eindrucksvoll bewiesen (finde ich zumindest. Ob es was gebracht hat, dürfte von der Reaktion der Fernsehanstalten und Medienpartnern abhängen – follow the money und so).

        Dass sich die Vereine zusammen in der DFL nicht gegenüber der Politik klarer abgrenzen können, ist wahrscheinlich noch das Traurigste an der ganzen Angelegenheit. Mein liebster Kommentar dazu von einem User des Eintracht-Forums:

        Rauball ist wirklich putzig. Es geht um Abwehr von „Eingriffen der Politik“, deshalb muss ein Papier verabschiedet werden, dass durch einen Eingriff der Politik entstanden ist. Das ist Dialektik.

        [Quelle]

  2. Die Premier League denkt über die Wiedereinführung von Stehplätzen nach. Als positives Vorbild wird Deutschland genannt
    http://www.guardian.co.uk/football/2012/dec/11/police-consider-terraces-standing

  3. Ich kommentiere hier mal für beide Texte bezüglich des Themas gemeinsam.

    „Natürlich gibt es Fußballbegegnungen, die absolut zu Recht als „Risikospiele“ klassifiziert sind, in denen es bspw. zu Gewalt durch Hooliganausschreitungen oder anderen Gefährdungen wie Pyrotechnik – das Zünden sogenannter “Bengalos” – kommen kann. Letztere haben nichts mit südländischer Begeisterung oder Fanchoreographie zu tun, sondern sind einfach nur gefährlich und gehören deshalb nicht ins Stadion! Die nur wenig Zentimeter großen und daher einfach zu schmuggelnden Fackeln können 2.000 Grad heiß werden und jemanden zumindest grob fahrlässig verletzten – von Absicht mal gar nicht zu reden.“

    Gerade deswegen ist es ja so ungeheuer schade und m.E. auch falsch, dass der dereinst mit dem DFB unter dem damaligen Sicherheitschef Helmut Spahn angestoßene Dialog vom DFB abgebrochen wurde und nun auch von der DFL nicht wieder aufgenommen werden soll. Es ist doch völlig illusorisch zu glauben, durch das Verbot, das es ja zuvor auch schon gab, bekäme man die Gefahren in den Griff. Wer das glaubt hat Fankultur nicht verstanden. Einzug über verbindliche Regelungen zwischen Fans und Vereinen / Verbänden, stets unter Rücksichtnahme auf die lokalen Gegebenheiten, zum kontrollierten Abbrennen von Pyrotechnik hätte sich hier etwas bewegen können. Sehr schade.

    Und natürlich hat Pyro etwas mit Begeisterung und Choreographie zu tun. Zu allererst ist Pyrotechnik ein Stilmittel, wie Fahnen, Transparente, etc. Natürlich ist es gefährlich, aber deswegen nicht gleichzusetzen mit Gewalt, Ausschreitungen, Randale und Aggression. Ich will nicht abstreiten, dass es diese Kombination durchaus gibt, ich glaube aber, dass dies gerade durch das Verbot gefördert wird.

    „Das Hooligan-Phänomen erschließt sich für mich als Fußballfan genauso wenig; jedenfalls steht hier wohl kaum der Sport im Vordergrund, sondern ist eher Mittel oder Gelegenheit zur verabredeten Gewaltausübung. Inwiefern bei manchen Ultragruppen – diese Kategorie „Fans“ ist zunächst einmal von der der Hooligans zu unterscheiden – Schlägereien und Krawalle als Mittel der Durchsetzung von Faninteressen in Frage kommt, kann hier ebenfalls nicht beurteilt werden.“

    Ich sehe mich nun wirklich nicht in der Gefahr es gutzuheißen, wenn sich Menschen – salopp formuliert – wegen Fußball auf die Glocke hauen. Dennoch warne ich davor Hooligans kategorisch das Interesse am Sport oder das Fandarsein abzusprechen und sie auf die Gewaltausübung zu reduzieren. Hooligans haben sich im Fußballkontext entwickelt und sind als ein Teil der Fankultur zu verstehen.

    Grundsätzlich scheinen mir generalisierende Angaben über Gewaltausübung seitens Fans im Fußballkontext schwerlich zu machen. Definitiv zu unterscheiden ist zwischen reaktiver und proaktiver Gewalt. Komplexes Thema – mir hier zu salopp abgehandelt 😉

    „99 Prozent aller Stadionbesucher wollen keine Schlägereien, Messer, Pyrotechnik oder Gewalt im oder vor dem Stadion“

    Das hat wer erhoben? Gerade in Bezug auf Pyrotechnik habe ich doch deutliche zweifel, dass dieser Prozentsatz stimmt.

    „generelle Ablehnung von Gewalt, Rassismus und Diskriminierung“

    Die in der Debatte populäre gleichsetzende Aufzählung dieser Punkte (oftmals Gewalt, Rassismus, Pyrotechnik) finde ich immer wieder erstaunlich (und falsch). Darüber hinaus fehlt mir auch eine definitorische Eingrenzung des Gewaltbegriffs. Er wird verwendet, als wüsste jeder was gemeint ist. Formen der Gewalt wie strukturelle Gewalt werden dabei völlig außer Acht gelassen. Ist nicht auch eine Abschaffung von Stehplätzen als Form der Gewalt zu fassen, werden doch de facto Menschen aus den Stadien verdrängt.

    „Damit sind die Stehplätze schon mal auf Bewährung gesetzt. Zwar hat ihre Abschaffung der Stimmung in den englischen Stadien seit 1989 – eine Konsequenz aus der Hillsborough-Katastrophe – keinen Abbruch getan und auch in Deutschland gibt es ja bei internationalen Spielen oder Europacup-Spielen diese Regelung, viele befürchten aber ein zunehmend teureres und dann irgendwann dann auch ein nicht mehr erschwingliches Stadionerlebnis, das Fußball immer mehr zu einem Lifestyle-Produkt und Luxuserlebnis gut verdienender Zuschauer und (Business-)Kunden statt Fans macht. Dem Fußball drohe so der schleichende Verlust seiner Basis und Wurzeln.“

    Die England-Behauptung entbehrt nun wirklich jeder Grundlage. Der horizontale Vergleich zeigt, dass sich die Stimmung in den englischen Stadien deutlich verschlechtert hat. Viele Fans gehen gar nicht mehr in die Stadien, weil sie es sich nicht mehr leisten können. Die internationalen Wettbewerbe sind nicht bedingungslos mit den nationalen Regelungen
    zu vergleichen. Internationale Spiele haben einen ganz anderen Stellenwert für Fans. 70 Euro statt 15 Euro für das Ticket fallen hier mitunter nicht so sehr ins Gewicht, weil auch die Reisekosten plötzlich 300 statt 50 Euro betragen. Dennoch findet auch hier eine Exklusion ärmerer Zuschauerschichten statt. Dass internationale Spiele sicherer wären, als Spiele in der Bundesliga müsste dann auch nochmal nachgewiesen werden.

    „Das Pyro-Verbot wird so sicher kommen wie der Tod und die Steuer“

    Wie bereits erwähnt die ganze Zeit vorhanden…

    „Die Klubs werden gut beraten sein, noch einmal bilateral mit der eigenen Fanbasis über die Art und Weise der Implementation der neuen Regeln zu verhandeln beziehungsweise das „wie“ genau auszudiskutieren.“

    Hier gehe ich dann d’accord und ich gehe auch davon aus, dass das weitestgehend geschehen wird. Zu wirkmächtig war der Protest der Fans, als dass die Clubs sich leisten könnten das zu ignorieren. Mit Sicherheit wird es qualitative Unterschiede von Club zu Club geben, doch geschenkt. Letztlich wäre das als Konsequenz definitiv ein schönes Beispiel wie Governance funktionieren kann.

    ***

    Grundsätzlich eine weitestgehend treffende Beschreibung und Analyse. Hätte mir hier und da etwas mehr „interdisziplinäre Tiefe“ gewünscht. Zudem empfand ich es als schade, dass Teile der Argumentationsmuster der einen (ja im Grunde auch als solche identifizierten) Hardlinerfraktion (Innenminister etc.; es gibt auch Hardliner auf Seiten der Fans, die hier nicht gemeint sind) scheinbar unhinterfragt übernommen wurden.

    Dennoch vielen Dank für die Texte und die durchaus interessante Perspektive.

    • Hallo nochmal,

      ich danke allen für die fundierten Kommentare, Meinungen und Kritiken und bin sehr beeindruckt von der Diskussion, die hier zustande gekommen ist.

      Ein besonderer Dank an Hugo Kaufmann (HK), der – wie ich finde – wunderbar die Lücken und auch die vielleicht 1- 2 nicht ganz bis zum Ende durchgedachten Argumente mit Sachkenntnis ergänzt und teilweise wundervoll auseinandergenommen hat. Ebenso ein Dank an Ben der die post-strukturalistische Perspektive hier reingebracht hat, in dem er nachfragt, wer eigentlich wo und wie den Diskurs dominiert (und wer davon profitiert): „What is ‚gefährlich‘ [oder „sicher“] and who says so?“.

      Folgender Kommentar zu Euren Kommentaren – obwohl ich stark das Gefühl habe, dass wir ab Sa. ca. 15.43 Uhr wieder etwas zum weiterdiskutieren haben werden:

      Erstens, ich akzeptiere (gerne), dass wir uns bei dem Thema Bengalos nicht einig sind. Das war m. E. auch die einzige Position, wo ich in meinen Kommentaren „absolut“ war. Aber ich habe keine Probleme, die andere Position (= gehört zur Fankultur etc.) nachzuvollziehen. Auch ist es klar, dass Bengalos einem starkem Bedeutungswandel unterworfen wurden und von südländischer Begeisterung (also der positiven Bedeutungszuschreibung) in die Gefahren- und Krawallkategorie (also der negativen Bedeutungszuschreibung) umgedeutet wurden – von wem und warum, ist sicherlich eine interessante, aber sehr komplex zu beantwortende Frage. Diese Antwort kann Hugo m. E. sehr viel besser geben als ich, obwohl ich – was die Verwendung von Bengalos angeht – bei meiner Position bleibe. Trotzdem ein Punkt noch zu den „Feuerwerken“: Sehr auffällig ist die sprachliche Trias und Stereotypenbildung, die im Zusammenhang mit Bengalos zum Vorschein kommt (vgl. das Rummenigge-Zitat). Da wird ganz schnell – bewusst oder unbewusst – „Gewalt [mit] Rassismus und Pyrotechnik“ bzw. Drittes mit Ersterem gleichgesetzt. Das wollte ich nicht tun und ich hoffe, dass das auch so verstanden worden ist. Für mich haben Bengaloträger kein prinzipielles Gefährder- oder Krawallmacherimage; das ist für mich eine rein technische Sicherheitsfrage des „Dings“ an sich.

      Zweiter Punkt: „Hooligans haben sich im Fußballkontext entwickelt und sind als ein Teil der Fankultur zu verstehen“ (HK). Das ist entstehungsgeschichtlich absolut korrekt, aber trotzdem ist solche Gewalt niemals legitim. Das meint HK damit aber, glaube ich, auch gar nicht; er wollte nur berechtigt darauf hinweisen, dass man „Fans“ als heterogene Gruppe verstehen und feiner hinschauen muss.

      Drittens, die vermeintlichen 99 Prozent: Das stimmt, hier bin ich selbst auf die von mir kritisierte Stereotypenbildung reingefallen – Danke für den Hinweis, Hugo. Da täte echt mal eine Umfrage not.

      Viertens, die Stehplätze sind m. E. sozial (und stimmungs- und altersmäßig) notwendig, da sie jungen Menschen ein erschwingliches Stadionerlebnis ermöglichen. Die Preise in England haben – bewusst oder unbewusst – eine sozial exkludierende Funktion. Ich würde daher mit HK d‘accord gehen, dass die Stimmung in England nicht wg. dem Stehplatzverbot runtergeht, sondern wg. den Preisen, die sich die Arbeiterschicht/„Fans“ kaum noch leisten können, sondern eher der gutsituierte „Zuschauer“. Mir ist allerdings weder bei Bayern, Mainz noch in Bremen – Achtung: Deutschland hat aber auch eine andere Sozialstruktur als in England – bei Europacupspielen (Stehränge mit Klappsitzen) ein Stimmungsabfall aufgefallen. Aber das ist ein persönlicher Eindruck, von dem ich nicht sicher bin, ob man den verallgemeinern kann.

      Fünftens und abschließend: Ich bin sehr gespannt, wie das jetzt weiter geht. Wahrscheinlich kommt es zu 36 unterschiedlichen Auslegungen und Anwendungen dieses doch eher sehr breiten, allgemein formulierten Maßnahmenkatalogs. Mainz 05 (Heidel) hat z. B. schon gesagt, dass sich für die Mainzer da an sich gar nichts ändert, sprich: es bleibt liberal. Aber natürlich wird es nächstes Jahr bestimmte Begegnungen geben, wo der Gastgeberverein die vermeintlichen Krawallmacher des Gastvereins zu Vollkörperkontrolle bitten wird…ob das dann mehr Frieden bzw. Sicherheit schafft, wage ich zu bezweifeln. Die Innenminister habe inter-subjektiv ein Sicherheitsproblem in deutschen Stadien ausgemacht. Hoffentlich haben sie damit keines konstruiert.

  4. Eines hat die Reaktion der Zuschauer (=Fans?) am Wochenende m. E. doch klar gezeigt: „12:12“ bzw. die Ultras haben keine Mehrheit – wie immer man auch zu dem Thema neue Sicherheitsbestimmungen bzw. sicheres Stadionerlebnis individuell steht.
    Die Vereine haben alle(!) Beschlüsse mit überwältigender Mehrheit durchgewunken und die Mehrheit der Stadionbesucher hat die noch vorhandenen Proteste nicht (mehr passiv) unterstützt. „12:12“ ist Geschichte bzw. wird nur noch bei individuellen Vereinen mit starker Fanbasis zu einem konkreten Aus- bzw. Nachverhandeln der lokalen Sicherheitsbestimmungen führen. Dies aber wir keiner Fanbasis auswärts viel nutzen, da hier evtl. andere Regeln vom gastgebenden Verein gesetzt oder ausgehandelt wurden. Um in einer Demokratie etwas zu ändern, benötigt man Mehrheiten – für diesen Spruch müsste man eigentlich in das Phrasenschwein zahlen. Aber diese Mehrheiten sind nicht mehr da bzw. vielleicht waren sie auch so nie vorhanden.

    Faz 17. Dez. 2012 http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/fussball-und-fans-die-einigkeit-der-fans-ist-dahin-11995974.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.