Gefährliches Terrain

Warum die Kritik an dem Film Zero Dark Thirty ähnlich problematisch ist wie der Film selbst

Von Johannes Thimm

In den USA hat der Film Zero Dark Thirty über die Jagd der amerikanischen Geheimdienste auf Osama Bin Laden eine Kontroverse zum Thema Folter ausgelöst, die inzwischen auch von der Politik aufgegriffen wurde. Ich möchte zu der Diskussion drei Thesen präsentieren:

Erstens, die Debatte ist wichtig, denn durch seinen Realismus und seinen Erfolg hat der Film das Potential, die öffentliche Wahrnehmung und den Diskurs über die Anwendung von Folter durch die amerikanischen Geheimdienste nachhaltig zu beeinflussen.

Zweitens, auch wenn dies von den Machern des Films nicht beabsichtigt ist, ist die Botschaft des Films problematisch. Denn seine Handlung lässt Folter als sinnvolles und legitimes Mittel im Kampf gegen den Terrorismus erscheinen.

Drittens, die Kritik an dem Film hat sich stark auf die Frage konzentriert, ob die CIA durch die Folterung von Häftlingen auf die Spur zu Bin Laden gestoßen ist. Dieser einseitige Fokus ist ähnlich gefährlich wie der Film selbst.

1. Warum der Film für den amerikanischen Diskurs über Folter wichtig ist

Zero Dark Thirty ist nicht die erste Auseinandersetzung Hollywoods mit dem Thema Folter. Spätestens seit dem Erfolg der Fernsehserie „24“ wissen wir, wie viel Einfluss Film und Fernsehen auf den Diskurs und die öffentliche Wahrnehmung des Themas haben. „24“ zeigte mit dem Anti-Terror-Spezialisten Jack Bauer erstmals einen amerikanischen Protagonisten, der seine Gegner foltert. Die Serie ist reine Fiktion, und doch beriefen sich einflussreiche politische Akteure darauf, wenn sie über brutale Verhörmethoden diskutierten: John Yoo etwa, Rechtsberater im Justizministerium unter George W. Bush und einer der Hauptautoren der Rechtsgutachten zur Rechtfertigung von Gewalt bei Verhören; oder Antonin Scalia, Richter am obersten Gerichtshof der USA. Unter Angehörigen des US-Militärs war die Serie so beliebt, dass Vertreter des amerikanischen Verteidigungsministeriums die Macher der Serie baten, ihre Darstellung von Folter zu überdenken: Sie fürchteten negative Folgen für das Verhalten der im Irak und in Afghanistan stationierten Truppen.

Anders als „24“ beruht Zero Dark Thirty auf wahren Begebenheiten und gibt sich aktiv den Anstrich einer historischen Rekonstruktion. Der Film beginnt mit den Worten „based on firsthand accounts of actual events“. Mit anderen Worten: eine wahre Geschichte soll durch die Augen derer erzählt werden, die dabei gewesen sind. Die Regisseurin Kathryn Bigelow gab zu Protokoll, sie sei fast journalistisch an die Handlung herangegangen. Zu diesem Zweck gewährten hochrangige Mitarbeiter von Verteidigungsministerium und CIA ihr und dem Drehbuchautor Mark Boal ausführliche Hintergrundinterviews. In Reaktion auf die deutliche Kritik sind die Filmemacher seitdem etwas zurückgerudert. Sie berufen sich auf ihre künstlerische Freiheit und stellen fest, es handle sich um einen Spiel- und keinen Dokumentarfilm. Doch das entspricht eben nicht der Botschaft, mit welcher der Film angekündigt und vom Studio beworben wurde. Das große Interesse an dem Film rührt zu einem Großteil von dem Versprechen auf neue Hintergründe der in weiten Teilen immer noch geheim gehaltenen Jagd auf Osama Bin Laden her.

Es ist genau dieses ungeklärte Verhältnis zwischen Dokumentation und Fiktion, das den Film sowohl im sicherheitspolitischem Elitendiskurs als auch der breiten Öffentlichkeit so brisant macht. Für den Zuschauer, ob Laie oder Experte, ist der Wahrheitsgehalt der Handlung kaum zu überprüfen. Doch in der Diskussion über adäquate Mittel im Kampf gegen den Terrorismus, wird Zero Dark Thirty ernster genommen als eine realitätsferne Geschichte wie „24“.

2. Rechtfertigt der Film Folter?

Die Regisseurin Kathryn Bigelow argumentiert, dass die Darstellung von Folter nicht automatisch deren Rechtfertigung bedeute und sie selbst Folter ablehne. Es gibt keinen Grund, ihre Aussage in Frage zu stellen, und doch ist die Botschaft des Films eine andere.

Der Film erzählt die Geschichte der über zehnjährigen Suche nach dem Top-Terroristen Osama Bin Laden durch die Augen seiner Protagonistin Maya, einer jungen und ehrgeizigen Ermittlerin der CIA. Anlass für Kritik gibt besonders die erste halbe Stunde des Films. In drastischen Szenen wird gezeigt, wie Maya und ihr CIA-Kollege Dan einen mutmaßlichen Terroristen verhören. Dabei setzen sie auch Folter ein, unter anderem das sogenannte Waterboarding, bei dem der Häftling an den Rand des Ertrinkens gebracht wird, um ihn zum reden zu bringen. Maya setzt die Gewalt anfangs zu, doch nach kurzer Eingewöhnung tut sie kühl, was sie für nötig hält, um an Informationen zu gelangen. Dabei ist Maya keine Anti-Heldin, sondern eine Identifikationsfigur, die mit rechtschaffenen Motiven und großem Fleiß gegen alle Widerstände kämpft, bis Bin Laden endlich zur Strecke gebracht ist. Der Kinogänger begleitet sie auf diesem Weg mit vielen Niederlagen zum letztendlichen Triumph.

Wie zahlreiche Kritiker bemerken, suggeriert die Handlung, dass die gewaltsamen Verhöre die CIA auf die Spur von Bin Laden gebracht haben. Diese Version der Ereignisse hat zwar innerhalb der CIA vereinzelt Anhänger, widerspricht jedoch einer kürzlich vom Senatsauschusses für Nachrichtendienste fertiggestellten Untersuchung. Die Ausschussmitglieder, die Vorsitzende Dianne Feinstein und ihre Kollegen Carl Levin und John McCain haben den amtierenden CIA-Direktor daher schriftlich aufgefordert, offenzulegen, welche Informationen die Interviewpartner aus der CIA den Machern von Zero Dark Thirty zugänglich gemacht haben. Sie wollen prüfen, ob die CIA den Film genutzt hat, um ihr Verhalten nachträglich zu schönen. Inzwischen hat sich der amtierende CIA-Direktor – wahrscheinlich in Reaktion auf die Kritik der Senatoren – von der im Film gezeigten Version der Ereignisse distanziert.

Die implizierte Verbindung zwischen der Anwendung von Folter und der Lokalisierung Bin Ladens hat zwar mit Abstand die meiste Aufmerksamkeit erregt, aber sie ist nicht das einzige Problem in der Handlung. Beispielsweise wird komplett ausgeblendet, dass hunderte Unschuldige misshandelt worden sind, und nicht wenige an den Folgen starben. Auch nicht thematisiert wird, dass es selbst innerhalb der CIA massive Widerstände gegen die Anwendung brutaler Verhörmethoden gegeben hat, oder wie sehr sie das internationale Ansehen der USA beschädigte. Stattdessen wird Folter durchweg als ein rationales, effektives Mittel dargestellt, um an wichtige Informationen zu gelangen. Mehr noch: Der Plot konstruiert die Jagd auf Bin Laden als einen einzigen Wettlauf gegen die Zeit, der die harschen Methoden verständlich erscheinen lässt. Eine Reihe von realen Anschlägen bildet einen Hintergrund der Bedrohung für die Anstrengungen der Filmheldin: Die Attacke auf eine Ölförderanlage in Saudi-Arabien 2004; die Bombenanschläge vom 7. Juli 2005 auf mehrere Londoner Busse; der Bombenanschlag auf das Mariott-Hotel in Islamabad 2008, bei dem sich die Protagonistin selbst im betroffenen Hotel aufhält; der Anschlag auf eine Einheit der CIA auf dem amerikanischen Militärstützpunkt nahe der afghanischen Stadt Khost im Jahr 2009, bei dem sie ihre Kollegin verliert; selbst der gescheiterte Anschlag mit einer Autobombe auf dem New Yorker Times Square 2010. In Kombination wirken diese Anschläge wie eine tickende Zeitbombe. Das Szenario der tickenden Zeitbombe ist die zentrale Diskursive Waffe derer, die auch in der realen Welt für Folter argumentieren. Dass in der Realität Situationen einer tickenden Zeitbombe praktisch nicht vorkommen, ist der Grund, warum Befürworter von Zwangsmethoden so häufig auf das Beispiel der Serie „24“ zurückgreifen.

Das war Bigelow und Boal wahrscheinlich nicht bewusst. Überhaupt scheint es sich bei den Problemen des Films in weiten Teilen um nicht intendierte Folgen dramaturgischer Entscheidungen zu handeln, die dem Film den Charakter eines Thrillers geben sollen. Doch zeugt es von einem Mangel an Reflektion, dass den Machern dabei entgangen ist, wie sehr diese Elemente der Spannung den Befürwortern von Folter in die Hände spielen.

3. Warum auch die Kritik am Film teilweise problematisch ist

Die Kritik an Zero Dark Thirty für seinen Umgang mit dem Verhörprogramm der Geheimdienste ist also grundsätzlich berechtigt, denn der Film vermittelt den Eindruck, dass Folter ein sinnvoller Bestandteil von Ermittlungen gegen Terrornetzwerke sein kann. Doch leider fokussiert die Kritik viel zu stark auf die Frage, ob Bin Laden mit Hilfe von Folter gefunden wurde. Dieser Fokus stärkt die Position derer, die Folter rechtfertigen wollen, und schwächt die jene, die Folter aus grundsätzlichen Gründen ablehnen.

Sich auf die Frage zu konzentrieren, ob durch Zwang gewonnene Informationen zur Auffindung Bin Ladens beigetragen haben, impliziert, dass im Falle einer positiven Antwort die Anwendung von Folter zu rechtfertigen wäre. Damit geben die Gegner von Folter in der Debatte gefährlich viel Terrain preis. Die Rolle von Folter in der Jagd auf Bin Laden ist vor allem wichtig für den Streit über die generelle Effektivität von Folter, also für die Frage, ob sich durch Folter überhaupt nützliche Informationen gewinnen lassen. Die meisten Verhörspezialisten bestreiten das, denn erzwungene Aussagen sind notorisch unzuverlässig. Doch das ist nur ein Aspekt der Diskussion.

Eine zweite, kaum diskutierte, Frage ist, ob die Ergreifung von Bin Laden überhaupt ein Umstand ist, der Folter rechtfertigt. Die meisten Befürworter von psychischem und physischem Zwang wollen ihn auf Situationen beschränken, in denen Menschenleben konkret in Gefahr sind. Das wiederum setzt voraus, dass von Bin Laden kontinuierlich eine unmittelbare Bedrohung ausgeht, wie es der Film impliziert. Bin Laden für bereits begangene Anschläge, selbst die des 11. September 2001, zur Rechenschaft zu ziehen, erfüllt diesen Standard nicht.

Die entscheidenden Einwände gegen Folter sind nicht nur unabhängig von der Frage, ob Folter geholfen hat Bin Laden zu finden. Sie sind auch unabhängig von der Frage, ob Folter überhaupt verlässliche Informationen zu Tage fördert. Und sie sind unabhängig von der Frage, wie unmittelbar die Bedrohung durch die Person Bin Laden war. Die entscheidenden Einwände gegen Folter sind normativer Natur. Denn Folter ist ein schwerer Verstoß gegen das Völkerrecht und die größte nur denkbare Verletzung der Menschenwürde. Gerade weil die Folterdebatte anhand des Films nun endlich breit geführt wird, ist es für Gegner jedweder Folter wichtig, die Debatte auch richtig zu kanalisieren.

Die Kritik am Film Zero Dark Thirty zeigt, dass die Diskussion um das CIA-Folterprogramm in den USA keineswegs beendet ist. Das ist gut, denn eine umfassende Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der jüngsten amerikanischen Geschichte hat bisher nicht stattgefunden. Doch weder die Kritik an Zero Dark Thirty noch die Debatte um Folter in der Realität sollte sich dabei auf die Rolle von brutaler Verhöre in der Jagd auf Bin Laden beschränken.


Johannes Thimm ist Mitglied der Forschungsgruppe Amerika der Stiftung Wissenschaft und Politik. Zur Zeit ist er in Elternzeit. Wenn ihm seine Tochter noch Zeit lässt, schreibt er Kommentare zu kontroversen Filmen.

2 Kommentare

  1. Die bisherige Debatte um den Film geht m. E. an dessen zentraler „Botschaft“ vorbei. Regisseurin Kathryn Bigelow zeigt auf der Basis gründlicher Recherchen nichts weniger, als dass die Bush- und die Obama-Administration bei ihrer Jagd nach Osama bin Laden und dem Terrornetzwerk Al-Kaida die USA – ein Land, das sich mit seinem Selbstverständnis als god’s own country an der Spitze des zivilisatorischen Fortschritts wähnt, – vorsätzlich auf ein ethisch-moralisches Niveau herabnivelliert haben, das noch unter dem deren liegt, die gejagd werden. Das macht der Film bereits in seinen ersten Szenen durch die äußerst naturalistische Darstellung von Folterungen in Geheimgefängnissen der CIA deutlich und dann nochmals konzentriert in seiner Schlusssequenz, die die Mordaktion in Abbottabad im Mai 2011 zeigt. Staatlich verordneter Terror, der jegliche Normen menschlichen Umgangs mit Feinden, alle rechtsstaatlichen Grundsätze und nicht zuletzt das Völkerrecht negiert, um allein eine ebenso archaische wie primitive Blutrache zu zelebrieren, ist noch schlimmer als individueller Terrorismus.
    Für diese Art von Verhalten gibt es keine politische oder sonstige Rechtfertigung, und die Täter bedürfen offenbar auch gar keiner. Zwar wird der ermittelnden CIA-Mitarbeiterin, die im Zentrum des Films steht, ein einziges Mal die Aussage in den Mund gelegt, man müsse bin Laden töten, um Al-Kaida zu schwächen. Aber keiner ihrer Vorgesetzten bis hinauf zum CIA-Chef kommt mit seinen Äußerungen auch nur in die Nähe einer solchen Überlegung. Dafür tobt einer von denen brüllend vor seinen versammelten Untergebenen: „Bringt mir Namen von Leuten, die ich töten lassen kann.“
    Apropos töten: Humanistisch angekränkelte Geister haben nach der Mordaktion von Abbottabad doch tatsächlich ernsthaft gefragt, warum bin Laden nicht entführt worden sei, um ihm einen Prozess zu machen. Das war, so wird im Film deutlich, zu keinem Zeitpunkt der Jagd und der Vorbereitung des Kommando-Unternehmens auch nur eine in Erwägung gezogene Option. Aber es ging ja auch nicht um Recht …
    Letztlich scheint Regisseurin selbst erschrocken gewesen zu sein über das Amerikabild, das ihr Film vermittelt. Das wäre zumindest eine Erklärung dafür, warum sie nicht auch zeigt, dass Präsident Barack Obama, der den Befehl zur Tötung bin Ladens gegeben hatte, sich die ganze Abbottabad-Aktion live ins Weiße Haus übertragen ließ. Das Foto einer sichtlich schockierten Hillary Clinton ging hernach um den Globus.
    Politisch Verantwortliche und Akteure der Bush-Administration haben den Film ja als Rechtfertigung der Folterung von Gefangenen gewertet, weil er zeige, dass der entscheidende Hinweis, der schließlich zum Unterschlupf bin Ladens führte, einem solchen Verhör entstammte. Das ist Gegenteil ist richtig. Zunächst zeigt der Film, dass ein vermutetes Attentat, das Verhörgegenstand in einer Folterszene ist, eben nicht verhindert werden kann. Und dann ist der wirklich entscheidende Hinweis auf den Boten bin Ladens, welche Ironie, nicht nur nicht Ergebnis barbarischer Gefangenenmisshandlung, nicht einmal Output des hochgezüchteten CIA-Apparates, sondern eine CIA-Nachwuchskraft wird fündig, als sie aus eigenem Antrieb längst archivierte Unterlagen nochmals checkt.

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