Die Schweiz im Dichtestress-Test

Oder: Wenn Zuwanderung versicherheitlicht wird. Außenansichten eines Europäers.

von Stefan Engert

„Dichtestress“ ist ein Wort, das gute Chancen haben wird, im Jahr 2014 das Unwort des Jahres in der Schweiz zu werden. Gesucht werden dabei „Wörter und Formulierungen aus der öffentlichen Sprache, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen“. Der Begriff Dichtestress kommt eigentlich aus der Biologie und bezeichnet einen extremen Stresszustand von Tierpopulationen: Wenn letztere durch Vermehrung zu schnell wachsen, also zu viele Lebewesen auf einer von Anfang an begrenzten Fläche leben, fangen sie irgendwann an – so die These – aus einem Gefühl der Enge heraus, sich zu bekämpfen und/oder die Fruchtbarkeit reduziert sich stressbedingt. Das hat eine drastische Reduzierung der eigentlichen (Ur-)Population innerhalb weniger Jahre zu Folge – in der Biologie offenbar ein ganz natürlicher Regulationsmechanismus 1, in der Politik natürlich ein so nicht hinnehmbarer Effekt. Die Schweizerinnen und Schweizer wollen dieser Gefahr frühzeitig vorbeugen und haben schon jetzt erste Schritte unternommen, um diese zu reduzieren: Binnen drei Jahren – so die Auflage des gestrig angenommenen, landesweiten Referendums an die Exekutive – ist die Zuwanderung oder die „Masseneinwanderung“, wie es national-konservative Schweizerische Volkspartei (SVP) betitelt hatte, zu kontingentieren. Puh… kann ich da nur sagen: Nochmal Glück gehabt! Ich sah die Schweiz mit ihren 193 Einwohnern pro Quadratkilometer schon im Bürgerkrieg versinken – vor lauter „Enge“. Ich frage mich natürlich: Müssen wir uns in Deutschland Sorgen machen (226 Einwohner pro km2)? Liebe Monegassen (über 17.000 Einwohner pro km2)): Respekt! Eigentlich müsstet ihr im totalen Chaos versinken – ich weiß nicht, wie ihr das macht.

Was ist da passiert beim Nachbarn? Zur Erklärung des Vorgangs legen wir kurz die Folie der Kopenhagener Schule drüber: Der Versicherheitlicher  SVP, die das Referendum initiierte, hat in der Einwanderungsfrage die Sicherheitskarte ausgespielt und das Dichtestress-„Argument“ ist ihr zentraler Versicherheitlichungssprechakt. Die gebürtigen Schweizerinnen und Schweizer, ja eigentlich die nationale Identität der Willensnation Schweiz samt ihrer Geschichte, Mythen und Traditionen (wozu auch ihr verdienter Wohlstand gehört), ist das Referenzobjekt, das es mit außergewöhnlichen Maßnahmen wie Kontingenten langfristig zu sichern gilt. Und die Schweizerinnen und Schweizer (das Volk) sowie die Kantone (die Stände), also das Publikum, haben es der SVP geglaubt. Zwar mit nur 50,3 Prozent  beim Volksmehr, wohl aber 17 Kantone (14,5 zu 8,5) beim Ständemehr [Quelle].

Das Hauptargument der SVP basiert auf dem oben beschriebenen Phänomen des „Dichtestresses“: Auf 5,4 Million gebürtige Schweizerinnen und Schweizer, deren Zahl in den letzten 30 Jahren relativ konstant geblieben ist, kommen heute circa 1,8 Millionen Nicht-Schweizer hinzu, das heißt Zuwanderer und Eingebürgerte, die das gesamte Bevölkerungswachstum der Schweiz darstellen. Bleibt dieser Trend ungebrochen, so die SVP, werde die Schweiz im Jahr 2035 zehn Millionen Einwohner haben und eventuell sogar mehr Zuwanderer beziehungsweise Ausländer als geborene Schweizer. Das macht dann – ich hab’s selbst berechnet – 268 Einwohner pro km2. Die Entsicherheitlicher werden zwar sagen: Hey cool, ganz so wie in Jamaika; die Versicherheitlicher aber werden zu Recht auf Pakistan verweisen. Die SVP sagt, dass dieser Anstieg weder „kulturell noch mengenmäßig verkraftbar“ ist für das kleine, aber reiche Land in den Alpen. Da wird, ohne dass es direkt so genannt wird, mit der Angst vor Überbevölkerung, vor allem aber mit der Angst vor Überfremdung operiert. Steigende Mietzinsen, überfüllte Busse und Züge, Staus auf den Straßen und dass sich die Menschen nicht mehr sicher fühlen: liegt alles an den Ausländern! Pardon, falsch verstanden: an der „Enge“. Als Hauptursache für letztere werden die circa 80.000 „Armutsflüchtlinge“ ausgemacht, die sich jährlich in der Schweiz miederlassen. Den Begriff „Armutsflüchtlinge“ habe ich an dieser Stelle ganz bewusst für das deutsche Publikum gewählt; er ist hier natürlich relativ zu verstehen: Da geht’s um EU-Bürger, also vor allem um Deutsche, Italiener, Franzosen und Portugiesen, die das Gros der Einwanderer ausmachen. Und ich wette, Sie dachten zunächst an Menschen aus Afrika, Asien oder Osteuropa, oder? Nein, denn wenn man das viertreichste Land der Welt ist (gemessen am BIP pro Kopf), sind nun mal alle Anderen – außer  den Luxemburgern, Katarern und Norwegern – weniger begütert. Alles eine Frage der Perspektive: Dass die Zuwanderung für die Schweiz (auch) positiv ist und die Zuwanderer mit ihrem Knowhow ein Drittel des schweizerischen Wirtschaftswachstums erarbeiten, ist zwar richtig, aber kein Mehrheitsbringer, zumindest nicht in Referenden. Zwar haben alle Jahr für Jahr mehr Franken in der Tasche – In- wie Ausländer –, aber die Lebensqualität verringert sich durch die „Enge“ (das wiederum betrifft nur die Inländer). Oh Schweiz, kann man da aus der Außenperspektive nur sagen, du wahrhaft einziges, post-modernes Land dieser Erde! Endlich bist Du an der Spitze der Maslow’schen Bedürfnispyramide angekommen; außer der Selbstverwirklichung sind alle Bedürfnisse abgedeckt, was also bleibt noch zu tun?

Auf den vorletzten Punkt möchte ich noch mal näher eingehen: Die nicht so prominente Tatsache, dass diese 24 Prozent Ausländer aber einen nicht kleinen Teil des schweizerischen Wohlstandes miterwirtschaften, ist die eigentliche Krux für die schweizerische Regierung, denn die zu implementierenden Kontingente gefährden das Abkommen über die Personenfreizügigkeit mit der EU und langfristig vielleicht sogar den privilegierten Zugang der Schweiz zum europäischen Binnenmarkt sowie weitere bilaterale Abkommen, an denen sie so lange gut verdient hat.2 Das ist das Kreuz mit der direkten Demokratie: Referenden können auch unangenehme Ergebnisse und Konsequenzen zeitigen. „Eng“ kann’s auch werden, wenn man nicht mehr raus kann. Aber „wir Europäer“ (/EU’ler?) täten gut daran, den Schweizerinnen und Schweizern keine lokale Begrenztheit oder Xenophobie vorzuwerfen. Die Eurokrise, insbesondere die Kritik an der Hilfe für Griechenland, die aktuelle Kritik in Deutschland hinsichtlich des Inkrafttretens der Freizügigkeit für Rumänien und Bulgarien und die gegenwärtige Flüchtlingspolitik an den EU-Außengrenzen zeigen doch, dass die EU-Bürgerinnen und Bürger vermutlich nicht gerade solidarischer abstimmen würden als ihre eidgenössischen Nachbarn – wenn sie denn dürften. Ach, hätte ich ja fast vergessen: Wir dürfen ja mal (ausnahmsweise) – am 25. Mai 2014 ist Europawahl. Und Parteien wie die euro-kritische Alternative für Deutschland (AfD) werden den Ball, den ihnen das eidgenössische Votum zugespielt hat, vermutlich prominent aufnehmen zu wissen. Oops, ich wollte noch was sagen, aber jetzt ist es mir entfallen. Jetzt weiß ich gar nicht mehr: Ist das jetzt gut oder nicht, dass das Meiste für uns in Brüssel entschieden wird?

  1. http://www.srf.ch/wissen/fuenfmalklug/was-bedeutet-eigentlich-dichtestress
  2. Siehe etwa Die Presse; sueddeutsche.de; Der Spiegel

11 Kommentare

  1. Guter Kommentar! Die direkte Demokratie und die massive Mobilisierung des Stimmvolks vor jedem Votum gibt es in der Schweiz ja aber nicht erst seit gestern. Deshalb darf man sich vielleicht doch wundern, warum die parlamentarische Mehrheit in der Schweiz oder die auf den (Human-)Kapital-Import angewiesene Wirtschaft offenbar nicht genug Überzeugungsarbeit geleistet hat.
    Es juckt mir außerdem in den Fingern, den Zusammenhang zwischen stressbedingter Fruchtbarkeitsreduktion und Einwanderungszunahme mal zu regressieren…

  2. Ich danke meinerseits für Ihren Anschlussbeitag. In der Tat sollte man das mal korrelieren, aber ich befürchte, da wird (natürlich) nix dran sein. Und die Mehrheit wird trotzdem weiterhin glauben, daß die Enge ihre Sicherheit, Identität oder ihr Lebensgefühl bedroht. Das Schlimme ist nicht, dass die Schweizer demokratisch mit Ja gestimmt haben, sondern dass das Dichtestress-„Argument“ scheinbar tatsächlich gezogen hat.

  3. Eine kleine Anmerkung sei mir gestattet (hat nichts mit dem Hauptargument zu tun, was ich unterstütze) … aber die Einwohner pro Quadratkilometer muss man hier schon ein wenig anders berechnen. Dummerweise stehen bei uns ne Menge Berge rum, und die kann man nicht bewohnen. Die Rechnung sieht dann einiges anders aus, wenn man die Einwohner pro bewohnbarem Quadratkilometer berechnet. Und leider stimmt es, es ist eng(er) geworden in der Schweiz. Das sieht man an der Bautätigkeit z.B. um Zürich herum, das merkt man im öffentlichen Verkehr, täglich. Das sind die negativen Effekte des „Wirtschaftswunders“ Schweiz. Dass wir das Wunder nur dank der Zuwanderer hingekriegt haben, macht es somit einfach, auf die zu zeigen und sie alleine für die negativen Aspekte des Wachstums verantwortlich zu machen.

    • … Und dennoch haben die Zürcher, Profiteure des Wirtschaftswunders und gleichzeitig Geplagte – mehrheitlich gegen die Initiative gestimmt (und dies gilt auch für die anderen „dichten“ Kantone).

      • Da gebe ich Euch Beiden Recht: Das ist das sogenannte „Sicherheitsparadox“: Diejenigen, die statistisch das geringte Risiko aufweisen, Opfer von Kriminalität zu werden (z. B. Rentner), haben genau davor jedoch die größte Angst (und umgekehrt/männliche Jugendliche). Genau das gleiche Ergebnis lässt sich für die Schweiz hinsichtlich der Lebensqualität (oder „Enge“) festellen: diejenigen, die am wenigsten davon betroffen sind (die ländlichen Kantone), haben am meisten für die SVP-Initiative gestimmt (und umgekehrt). Das zeigt nur noch mal, dass solche Werte wie Lebensqualität und Sicherheit nicht wirklich an der objektiven/statistischen Datenlage (wie z. B. den tatsächlichen Quadratkilometern), sondern zumeist an dem (inter-)subjektiv bzw. persönlich Erlebten ausgerichtet werden. Und genau dieses Klaustrophobie-„Gefühl“ scheint ja die SVP mit ihrer Kampagne populistisch geschickt eingefangen zu haben…

      • stimmt, nur darf man nicht vergessen, dass es häufig nicht diejenigen sind, die im Kanton Zürich wohnen, die in völlig überfüllten Zügen täglich nach Zürich pendeln oder auf völlig überfüllten Strassen täglich nach Zürich fahren. Alle umliegenden Kantone (ausser Zug) haben JA gestimmt

  4. (betrunkener Radikalo stürzt herein)
    Inwiefern ist das Ergebnis dieser Wahl einfach eine Weiterführung der Logik hinter allen nationalen Grenzen? (Rulps!) Ist die Unterscheidung zwischen Moldawiern und Romänen oder Polen und Weißrussen nicht recht ähnlich?

    Merkt euch: ich habe solche Ideen nicht, weil ich trinke, sondern ich muss trinken, weil ich solche Ideen habe.
    (Kotzt. Fällt vom Stuhl)

    • Ben, super! Die Frage ist mir nach einem facebook-Kommentar auch langsam den Rücken hochgekrochen. Wir wollen sie doch lieber gar nicht stellen, oder? Bzw. vielleicht schon – betrunken oder in der Dunkelkammer – aber nicht hier, so öffentlich. Warum? Weil wir uns vor der Antwort fürchten würden. Weil wir tapferen, auf die Menschenrechte pochenden Europäer und Deutschen zugeben müssten, dass die Schweizer nur (ur-)demokratisch und mit offenem Visier abgestimmt haben und wir soviel Ehrlichkeit gar nicht vertragen. Mehr haben sie nicht gemacht. Und sie haben nicht abgestimmt nur über arme Flüchtlinge aus Afrika oder Asylanten aus dem Mittleren Osten, die naturgemäß erst mal Kosten verursachen, bevor sie integriert werden (könnten), sondern eine relativ faire und gleiche Ausländerdefinition in der Abstimmung angelegt, die sogar uns wohlhabende, ultra-produktive und gut ausgebildete Deutsche („wir“ stellen ja bspw. überproportional viele Professorinnen und Professoren in der Schweiz) einschließt. Schon ein Ding! Die/uns wollen die nicht mehr? An Stammtischen bekommen solche Menschen gewöhnlich den Label „gute Ausländer“ verpasst. Das sind die, die ökonomisch zur Steigerung des BSP beitragen, arbeiten und in die Rentenkasse einzahlen. Wir erinnern uns, wie „wir“ vor Jahren versucht haben, indische Computerexperten anzulocken (= „guter Ausländer“)? Vielleicht sollten wir zugeben, dass wir doch gar nicht gefragt werden wollen (Stichwort: Referendum). Wenn wir ehrlich sind, sind wir doch irgendwo froh, dass Brüssel das für uns entscheidet: Da können wir uns einerseits über die zu große Liberalität aufregen – Freizügigkeit für alle Europäer (auch Rumänen! -wie jetzt schon???) – und andererseits weiter behaupten, dass bei aller Liberalität wir in Europa nicht auch noch die Probleme der Welt und v. a. von ganz Afrika lösen können (Stichwort: Lampedusa). Schließlich schicken wir Friedenstruppen und humanitäre Hilfe -was denn noch?! Leid tun sie uns, die Menschen, die aus purer Verzweiflung versuchen, über das Mittelmeer zu uns zu kommen. Schlimm ist das, wenn man sie zurückschicken „muss“. Aber: Wollen tun wir sie nicht – nicht wirklich. Soll heißen: nicht die Mehrheit. Kostet zu viel – sorry.

      Werfen wir der Schweiz besser nichts vor! Das eigentlich Bewundernswerte scheint wir viel eher zu sein, dass nur 50,3 Prozent für die (unsägliche) Kampagne der SVP gestimmt haben. Ein Ausländeranteil von 24 Prozent! Auch wenn sie nicht an Wahlen teilnehmen dürfen: Würden wir akzeptieren, dass jeder Vierte hier bei uns Ausländer ist? Also ca. drei mal so viel Blog-schreibende US-Amerikaner ;-), italienische Eisverkäufer, türkische Dönermanufakturen? Nein, so tolerant sind wir, glaube ich, bei allem Vertrauen in das Gute im Menschen, nicht. Lasst uns nicht abstimmen in Brüssel, bitte nicht! So können wir gute Menschen und Europäer bleiben. Immer solidarisch – zumindest vorne.

  5. „An Stammtischen bekommen solche Menschen gewöhnlich den Label „gute Ausländer“ verpasst.“

    Es gibt eine Riesenkluft zwischen deinem Stammtisch und der Alltagserfahrung beim Ausländeramt.

    „Weil wir tapferen, auf die Menschenrechte pochenden Europäer und Deutschen“

    Damit fängt´s an.

    Aber ich halte dich, Stefan, für einen guten Deutschen und Europäer, und ich meine das nicht ironisch – trotz Kontext.

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