„Setzen, Sechs!“ Ein Skandal bei den amerikanischen Nuklearstreitkräften wirft Fragen über die Sicherheit des Arsenals auf

von Marco Fey

Offiziere der amerikanischen Nuklearstreitkräfte haben bei ihren monatlichen Eignungstests in großem Umfang geschummelt und sich die Testantworten per SMS gegenseitig zugeschickt. Dies ist nur einer von vielen Skandalen, die in den letzten Monaten publik geworden sind und die Fragen über die Sicherheit des Nuklearwaffenarsenals aufwerfen.

Das Arsenal der USA stützt sich auf eine Triade aus Trägersystemen: 60 Bomber, zwölf U-Boote und 450 bodengestützte Interkontinentalraketen. Diese Zusammensetzung ist umstritten, nicht zuletzt aus Kostengründen. Berechnungen von John Wolfsthal und seinen Kollegen Jeffrey „ArmsControlWonk“ Lewis und Marc Quint vom James Marin Center for Nonproliferation Studies in Monterey zufolge müssen die USA in den kommenden 30 Jahren eine Billion Dollar (in Zahlen: 1.000.000.000.000) in Erhaltung und Modernisierung ihrer Nukes investieren, wollen sie an der Triade festhalten. Die Eliminierung eines der Trägersysteme würde nicht nur den Haushalt entlasten, sondern auch ein rüstungskontrollpolitisches Zeichen setzen. Am einfachsten, so scheint es, können die strategischen Streitkräfte dabei auf das dritte Standbein, die Interkontinentalraketen, verzichten.

Minuteman III ICBM im Silo

Eine Minuteman III Interkontinentalrakete in einem Silo | public domain.

Befürworter eines solchen Ansatzes haben in den letzten Monaten gewichtige Argumente an die Hand bekommen: Berichten zufolge sollen die Abschussoffiziere der Air Force, die in den Silos im wahrsten Sinne des Wortes den Finger am Drücker haben, stärker als andere Air Force-Offiziere von Burnout betroffen sein, Drogen besessen und konsumiert haben, eine geringe Arbeitsmoral aufweisen, fahrlässig mit Sicherheitsprozeduren umgegangen sein und sich überdurchschnittlich häufig für Übergriffe am Arbeitsplatz, aber auch im häuslichen Bereich verantwortet haben müssen. Erklärungen dafür gibt es zuhauf: die Offiziere seien in einer beruflichen Sackgasse gefangen, da das Nukleararsenal kontinuierlich schrumpft und mit ihm die Zahl von höheren Offizierposten; das Stresslevel sei besonders hoch, da sie im Ernstfall innerhalb von Sekunden die richtigen Handgriffe machen müssen, dieser Ernstfall aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemals eintreffen wird; und schließlich „Freezin’s the reason!“ – Minot, Norddakota, wo der 91. Missile Wing zu Hause ist, sei so fernab vom Schuss und zusätzlich von sehr harten Wintern geprägt, dass die Stationierung dort stark auf die Gemütslage schlage.

Nun kam ein neuer Skandal ans Tageslicht. Bei Ermittlungen im Zusammenhang mit Drogen wurden bei einigen Offizieren die Antworten für einen der Eignungstests, denen sich alle Abschussoffiziere drei Mal im Monat unterziehen müssen, im SMS-Speicher ihrer Mobiltelefone gefunden. Die Tests dauern 90 Minuten und sind keineswegs einfach (Mark Thompson hat auf TIME.com eine Auswahl an Fragen gepostet). Nur wer 90% erreicht, besteht und nur wer 100% erreicht, kann befördert werden. Nach dem Bekanntwerden des „Cheating Scandals“, ergaben Tests unter verschärften Bedingungen durchschnittliche Ergebnisse von 95,5%. Die Offiziere schummeln also nicht, um die Tests zu bestehen, sondern um hohe Ergebnisse zu erzielen und so dem tristen Silodasein entkommen zu können, so wird vermutet. Ein früherer Abschussoffizier gab zu, dass Schummeln schon immer dazugehörte – die Perfektion, die von den Crews verlangt wird, sei nämlich ein unmöglicher Standard.

Crew auf einer Basis auf ihrer Station

Die Crew einer Minuteman in Alarmbereitschaft | public domain.

Der Skandal hat sich mittlerweile auf knapp 100 Abschussoffiziere ausgeweitet, neun Offiziere in Führungspositionen wurden entlassen, der Kommandeur der Malstrom Air Force Base in Montana, wo der 341. Missile Wing stationiert ist, trat zurück und Dutzende weitere Offiziere müssen sich vor der Militärgerichtsbarkeit verantworten. Verteidigungsminister Hagel hat in Folge der Skandale zunächst eine interne Untersuchung, später dann nach Bekanntwerden von Schummeleien auch bei der Navy eine umfassende Überprüfung des Personals in den Nuklearstreitkräften durch eine externe Task Force angeordnet. Joe Cirincione, Präsident des Ploughshare Fund, kann diesem Vorgehen jedoch wenig abgewinnen: „if the studies focus only on personnel, they will do little more than rearrange the deck chairs on a nuclear Titanic. The core problem is not the people; it's the mission.” Wenn schon die Vereinigten Staaten solche Probleme mit Moral und ethischer Integrität ihrer Abschussoffiziere haben, fragt Cirincione, wie sieht es dann erst in den russischen Atomsilos aus?

Marco Fey (@marco_fey) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK). Er beschäftigt sich mit Rüstungskontrolle und amerikanischer Außen- und Sicherheitspolitik. [weiter]

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