Der Islamische Staat und die Islamisierung des Abendlandes

Von Christoph Günther

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Teil VII unserer Serie zum "Islamischen Staat"

Viel ist in den letzten Wochen und Monaten über den so genannten „Islamischen Staat“, ISIS oder ISIL gesprochen und geschrieben worden. Die „abstrakte Bedrohungslage“, die von der „Terrormiliz“ und ihren Anhängern ausgeht, scheint jedoch der deutschen Öffentlichkeit kaum deutlicher vor Augen geführt zu werden, als bei den Demonstrationen, die von Dresden ausgehend seit geraumer Zeit in verschiedenen Großstädten stattfinden bzw. stattgefunden haben. Die Wendung gegen das Austragen von „Glaubenskriegen auf deutschem Boden“ und noch deutlicher die Sorge vor einer bevorstehenden „Islamisierung des Abendlandes“, speist sich bei diesen zu einem gewissen Teil auch aus den Bildern und Tönen, die von und über den Islamischen Staat mittels unterschiedlicher Medienkanäle verbreitet werden. Zudem werden Befürchtungen artikuliert, die durch den Islamischen Staat ausgelösten Flüchtlingswellen bewirkten einen signifikanten Zuzug von Muslimen, der zu tiefgreifenden sozio-kulturellen Veränderungen führe.

Interessant ist dabei, dass, ginge es nach dem neu ausgerufenen Kalifat, tatsächlich eine Islamisierung des Abendlandes bevorsteht: In einem 2006 erschienen Text mit dem Titel „Benachrichtigung der Gläubigen über die Geburt des Islamischen Staates“, der als eine Art Gründungs- oder Grundsatzdokument der Gruppe aufgefasst werden kann, wird offen von einer „Bekehrung der gesamten Menschheit zum Islam“ geschrieben, die „den Westen“ als der arabisch-islamischen Welt kulturell und politisch feindlich gesinnte Entität unter die Herrschaft des schwarzen Banners bringen soll. Die Gruppe re-formulierte damit den Anspruch, der von Gott mit dem Koran geoffenbarten Ordnung in der institutionalisierten Form eines „Islamischen Staates“ Geltung zu verschaffen, in dessen Rahmen politisches Handeln auf dem fortwährenden Rückbezug auf eine idealisierte islamische Frühzeit basiert. Die damit essentiell verbundene Verknüpfung von Religion und Politik war und ist jedoch keinesfalls Selbstzweck, sondern dient sowohl der Erfüllung menschlicher Pflichten gegenüber Gott, als auch der Erlangung von Heilsgütern. Die Vorstellung, ein Modell von Herrschaft und Gesellschaft zu etablieren, das nicht nur der weltlichen Ordnung menschlicher Vergemeinschaftung per se verpflichtet ist, sondern darüber hinaus den von ihm Beherrschten einen Einzug in das Paradies in Aussicht stellt, kann insbesondere angesichts individuell und kollektiv erlebter Krisenerfahrungen eine besondere Attraktivität ausstrahlen.

Die Einbettung in ein strikt zweigeteiltes Weltbild dient ‑ nicht nur im Fall des neu ausgerufenen Kalifats ‑ zum Entwurf klarer Freundes- und Feindeskategorien, die die Komplexität der Realität zu reduzieren helfen und zugleich den inneren Zusammenhalt der Gruppe und deren Abwehrhaltungen gegenüber äußeren Bedrohungen begründen. Deren Beseitigung als Grundlage der Errichtung eines islamischen Staates gewinnt ihre Dynamik aus einer Verpflichtung auf eine Utopie, auf die „Befreiung der muslimischen Länder“ und die „Vereinigung aller Muslime unter dem Banner des islamischen Staates“. Da diese Utopie eine zentrale Rolle in der Außenkommunikation des Islamischen Staates und seiner Vorläufer spielt, ist sie als antreibendes Moment für einen bestimmten Teil seiner Anhänger von größerer Bedeutung für die Gruppe, als deren Überführung in die Realität. Diese Utopie ist eng verbunden mit dem binär strukturierten Weltbild und dem Denken und Handeln in absoluten Kategorien. Eine solche Zweiteilung der Welt kann keine Mäßigung zulassen und zielt auf die finale Unterwerfung der als Gegner Erachteten, der „Islamisierung“ eines homogenen Westens und dessen Verbündeter.

Es sind eben diese unterstellte Einheitlichkeit gesamter Kulturkreise und Regionen und die angebliche Einfachheit einer schwarz-weißen Realität, aus denen sich die Attraktivität der Ideologie des Islamischen Staates speist. Umgekehrt widerspiegelt sich diese Einfachheit jedoch auch und gerade in Debatten über die Gruppe in der europäischen und US-amerikanischen Öffentlichkeit, in denen moderate Stimmen zugunsten einer Dokumentation eines gewalttätigen Spektakels zunehmend in den Hintergrund geraten. Hieraus folgt, dass „dem Islam“ per se ebenso ein gewalttägiges Potential zugesprochen wird, wie „dem Westen und der Allianz aus Juden und Kreuzfahrern“ ein Interesse an der Vernichtung dieser Religion.

Diese problemorientierten Positionen beinhalten Übertreibungen und Generalisierungen als notwendige Mittel zur Selbsterhaltung und schließen damit lösungsorientierte Relativierungen und Differenzierungen aus. Das heißt, dass die medienvermittelte Fokussierung auf die Gewalttaten des Islamischen Staates zuungunsten theologisch fundierter Widersprüche das Paradigma einer bevorstehenden „Islamisierung des Abendlandes“ zumindest nicht entkräftet. Dies leistet der Verwendung absoluter Kategorien in den Diskursen über die jeweils andere Seite Vorschub, trägt eher zu einer Bestätigung bestehender Feindbilder, als zu deren Abbau bei und lässt eine baldige „Islamisierung des Abendlandes“ durch die Anhänger von „Terrormilizen“ realer erscheinen denn je.

Andreas Doering

Dr. Christoph Günther ist derzeit als PostDoc am DFG Graduiertenkolleg 1553 "Religiöser Nonkonformismus und kulturelle Dynamik" an der Universität Leipzig assoziiert. Günther studierte Islamwissenschaft, Geschichte und Arabistik an den Universitäten Bamberg und Kairo. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem politische Ideen in der arabisch-islamischen Welt sowie visuelle Kultur. Seine Dissertation "Ein zweiter Staat im Zweistromland? Genese und Ideologie des Islamischen Staates Irak" ist im Juni 2014 im Ergon-Verlag erschienen.

1 Kommentar

  1. Zwei Themen, zu denen ich mir einen Standpunkt erarbeitet habe, sollten bei dem Vortrag am 29.10.2015 in Pirna nicht umgangen werden:
    1. Was haben wir als deutsche Bundesbürger unter dem Begriff „Integration“ zu verstehen, und darf sich ein gläubiger Muslim in diesem Sinne überhaupt integrieren. Meiner Meinung nach werden in Deutschland Parallelgesellschaften mit eigener Rechtssprechung nach Scharia nach dem Vorbild von Duisburg-
    Marxloh entstehen – Zentren eines Lebensstils, den wir als kriminell werten.

    2. Niemand kann feststellen, wieviel % Schläfer unter den überwiegend vertretenenen jungen Männern sind. Ein über iPods gesteuerter Aufruf zu Bombenattentaten oder auch offenen Kampfhandlungen ist nicht auszuschließen. Sich aus Waffenlagern der Bundeswehr zu versorgen ist ein Kinderspiel, wenn 2-3 Selbstaufopferer mit Dynamitgürteln pro Lager zur Verfügung stehen. Wenn nur 1 % ausgebildete Schläfer dabei sind, haben wir
    schon eine kampfstarke Division im Lande.
    Gibt es in den Bundesrepublik Deutschand mit ihrem Willkommensfieber einen „Plan B“ zur Abwehr solche Angriffe?

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