CfP: Macht (in) der Wissenschaft: Kritische Interventionen in Wissensproduktion und Gesellschaft

Am Exzellenzcluster “Die Herausbildung normativer Ordnungen” der Goethe-Universität Frankfurt am Main findet am 13./14. November ein interessanter Workshop für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler statt. Es geht vor allem um die kritische Reflexion der Beziehung von Wissenschaft und Gesellschaft - das ist, so finden wir, auch für kritische denkende Forschende im Bereich Sicherheitspolitik interessant. Den Call wollten wir euch daher nicht vorenthalten:

Wissensproduktion und gesellschaftliche Transformation sind eng miteinander verbunden: Bei der Deutung und Kritik sozialer, wirtschaftlicher, ökologischer und politischer Entwicklungen wird der Wissenschaft eine Schlüsselrolle zugeschrieben. Indes ist Wissenschaft nie losgelöst von ihren gesellschaftlichen Kontexten und den darin verankerten Macht- und Herrschaftsverhältnissen denkbar. Gesellschaftskritik und Wissenschaft zu verbinden bedeutet daher auch, jene Verfahren zu reflektieren, die zur Analyse sozialer Phänomene eingesetzt werden und die letztlich die Grundlage für Gesellschaftskritik seitens der Wissenschaft darstellen. Wissenschaftliche Erkenntnismethoden konstituieren oder verändern einerseits den Forschungsgegenstand und bedingen andererseits die Art von Wissen, die produziert wird. Die ontologische und epistemologische Struktur von Wissensgenese ist nicht gegeben, sondern durch gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse bedingt.

Dies wirft grundsätzliche Fragen auf: In welcher Form und auf welchen normativen Grundlagen kann Wissenschaft Kritik an der Gesellschaft und Gesellschaft Kritik an der Wissenschaft üben? Wie lassen sich kritische Perspektiven auf die Rolle der Wissenschaft in gesellschaftlichen Prozessen entwickeln? Welche Rolle spielt dabei die methodologische und ethische Reflexion der eigenen Vorgehensweisen? Ist Forschungsethik ein adäquates Instrument, um historisch gewachsene und normalisierte Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu hinterfragen und aufzubrechen?

Wir wollen diese Fragen zusammen denken und dabei Theorie und Praxis von Wissensproduktion interdisziplinär in den Blick nehmen. Konsequenterweise hinterfragen wir auch den Rahmen der Konferenz selbst als eine Form performativer Wissensdarstellung und ermutigen zu alternativen Präsentationsformen. Es wird zudem die Gelegenheit geben, im Format eines Open Space kollektiv generierte Fragestellungen zu diskutieren.
Die Konferenz, welche in Kooperation mit der DocAG „Ethics and (Self-)Reflexivity in Qualitative Research“ organisiert wird, richtet sich an NachwuchswissenschaftlerInnen aus allen Disziplinen, die einen Beitrag zur Diskussion und zur Reflexion kritischer Wissenschaft leisten wollen. Im Interesse einer gemeinsamen Kommunikationsgrundlage begrüßen wir Beiträge in englischer Sprache; sie können empirische Phänomene in den Blick nehmen, (meta-)theoretisch reflektieren oder sich künstlerisch mit Wissensproduktion und Gesellschaftskritik auseinandersetzen.
Mögliche Ausgangspunkte können sein:

Modelle kritischer Theoriebildung
Neben der Kritischen Theorie Frankfurter Provenienz in ihren verschiedenen Ausprägungen besteht eine Reihe weiterer Theorien mit kritischem Anspruch, etwa poststrukturalistische Ansätze, die Akteur-Netzwerk-Theorie oder postkoloniale Studien. Wie können unterschiedliche Strömungen ins Gespräch kommen? Wo liegen Gemeinsamkeiten und Unterschiede?

Forschungsethik in Theorie und Praxis
Die Forschungspraxis konfrontiert Forschende kontinuierlich mit ethischen und methodologischen Herausforderungen. Wie können diese kritisch reflektiert werden, und wie schlägt sich dies in der Ausgestaltung der Forschungsprozesse nieder? Wie lassen sich Machtverhältnisse und -Ungleichheiten erkennen und konzeptualisieren; wie kann mit ihnen umgegangen werden? Was heißt es, (selbst-)kritisch und emanzipatorisch zu forschen? Welche kritischen Fragen können umgekehrt an die ethische Reflexion wissenschaftlicher Praxis gestellt werden?

Macht (in) der Wissenschaft
Wissenschaft produziert Wissen und insofern immer auch Machteffekte. Auf der einen Seite bedeutet dies die Hegemonie bestimmter Formen und Praktiken der Wissensproduktion in der Wissenschaft selbst, auf der anderen Seite entstehen Machteffekte im Verhältnis der Wissenschaft zu ihrer Umwelt. Wie kann theoretisch und empirisch das Verhältnis von Wissen und Macht in der Wissenschaft reflektiert werden? Wie wirken sich Machtdynamiken der Wissensproduktion auf den Prozess des Schaffens von Wissen aus?

(De)legitimierte Formen der Gesellschaftskritik
Die hegemoniale Sprache der Wissenschaft schließt potentiell andere Formen der Artikulation von Kritik aus. Wie wird wissenschaftliche Gesellschaftskritik autorisiert? Welche Praktiken der Wortergreifung, Aneignung und Intervention in öffentliche Diskurse gibt es und wie verhalten diese sich zu wissenschaftlicher Gesellschaftskritik? Was sind wechselseitige Legitimations- und Delegitimationsmechanismen?

Die Geschichtlichkeit kritischer Wissenschaft
Das skizzierte In-, Mit- und Gegeneinander von kritischer Wissensproduktion und gesellschaftlichen Verhältnissen ist keineswegs nur ein Merkmal der Gegenwart, sondern darf grundsätzlich für jede menschliche Gesellschaft angenommen werden. Aus dieser Zeitlichkeit ergeben sich mehrere historische Fragerichtungen. Zum einen: Welche neuen Perspektiven auf gegenwärtige Konstellationen lassen sich durch den Vergleich mit vergangenen Konfigurationen gewinnen, indem man Identitäten und Alteritäten konstruiert? Zum anderen: Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Beschreibung diachroner Dynamiken, wenn man also aktuelle Diskurse, Akteure und Verflechtungen gesellschaftskritischer Wissenschaft in ihren wechselnden historischen Kontexten situiert und ihre Gewordenheit erzählt?

Kunst und Wissenschaft
Kunst wird oftmals als das Andere der Wissenschaft betrachtet. Vor diesem Hintergrund stellen sich Fragen nach wechselseitiger Verwiesenheit: Wie könnte eine ästhetische Kritik wissenschaftlicher Wissensproduktion aussehen? Kann an der Differenz von künstlerischer Praxis und Wissenschaft festgehalten werden, wo löst sie sich auf und ist nicht gerade Hybridität produktiv? In welchem Sinne brechen ästhetische Praktiken performativ Muster des Wissenschaftsbetriebs auf?

Wir freuen uns, bis zum 1. Juli 2015 ein Abstract von maximal 350 Wörtern mit Keywords und einer kurzen biographischen Notiz zu erhalten.

Für die Konferenz steht Kinderbetreuung zur Verfügung. Zudem können sich bereits akzeptierte Vortragende um ein Reisestipendium bewerben. Das Vorgehen hierfür wird in der Annahme-E-Mail ausführlich beschrieben. Fragen und Abstracts nehmen wir gerne entgegen unter: graduateconference@normativeorders.net

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