Salafismus religiös: Elemente einer Vorstellungswelt

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von Rüdiger Lohlker

Was macht salafistisches Denken in religiöser Hinsicht aus? Was hat Salafismus mit Wahhabismus zu tun? Was hat Dschihadismus mit Salafismus zu tun? Alles Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Trotzdem lohnt der Versuch, eine Antwort zu geben, da die religiösen Vorstellungen zentral für die Identität des Salafismus sind. Es geht hier „nur“ um die religiösen Ideen, die immer wieder in salafistischen Diskussionen auftreten. Freilich ist die innersalafistische Debatte vielgestaltig, so dass sich kein „Katechismus“ aufstellen lässt, der ausweist, woran ein/e SalafistIn glaubt. Deshalb werden im Folgenden entlang einzelner Stränge des salafistischen Diskurses ausgewählte religiöse Ideen beleuchtet.

Zentral ist in salafistischen Diskursen die Idee der Einheitlichkeit der salafistischen Gemeinschaft, die als die Muslime begriffen werden wollen. Deshalb findet sich auch immer wieder Kritik am Dschihadismus, dem vorgeworfen wird, dass er durch seinen Anspruch auf eine Sonderrolle (s.u.) nicht wahrhaftig salafistisch sein könne. Diese eine Gemeinschaft ist begründet in einer Methodik (manhaj) des Verständnisses der Grundschriften des Islams, verbunden mit einer Glaubenslehre ('aqīda).

Die Methodik stützt sich 1.) auf den Koran und 2.) die Überlieferungen vom und über den Propheten Muhammad in Verbindung mit 3.) den Aussagen der Autoritäten der ersten drei Generationen der muslimischen Gemeinschaft (as-salaf as-sālih). Es wird zumeist angenommen, dass diese drei Elemente universalistisch, statisch und unveränderlich sind. Sie stünden in einem räumlichen und zeitlichen Vakuum, aus dem sie in der aktuellen Realität herausgeholt werden und direkt umgesetzt werden müssten. Die weit überwiegende Auffassung ist, dass die Grundschriften wortwörtlich zu nehmen und anzuwenden sind. Jede Abweichung wird als ablehnenswerte Neuerung (bid'a) denunziert.

Die Vorstellung der Einheitlichkeit der Gemeinschaft findet ihre Begründung im religiösen Prinzip des Eingottglaubens (tauhīd). Auch hier gibt es keine einheitliche Lehre, aber es wird immer wieder von (meist nicht näher bestimmten) Ansprüchen an die Gläubigen gesprochen, die sich aus diesem Prinzip ergeben. Einerseits wird so ein Aktivismus des Glaubens angelegt, der auf die Erfüllung der Ansprüche Gottes gerichtet ist. Andererseits wird zugleich der Vorwurf der Unzulänglichkeit des Gläubigen laut, der diese Ansprüche nicht erfüllt.

Unterschieden werden drei Aspekte des tauhīd: 1) Gott ist alleiniger Schöpfer und Erhalter der Schöpfung, 2) allein Gott ist anbetungswürdig und 3) Einheit der Eigenschaften Gottes.

Der erste und zweite Punkt sind voneinander abhängig, da aus dem ersten der zweite Aspekt folgt. Es werden keine Aussagen über Gott getroffen, vielmehr wird über Ansprüche an die Gläubigen gesprochen. Beim dritten Punkt geht es darum, in welcher Weise man(n) über die Eigenschaften Gottes, die im Koran erwähnt werden, sprechen kann, wenn zugleich von Gottes Andersartigkeit die Rede ist. Lässt sich, wenn man den koranischen Text wortwörtlich nehmen will, beispielsweise davon sprechen, dass Gott Hände hat? An diesem Punkt gibt es zahlreiche Debatten in den salafistischen Strömungen. Eine häufige Lösung ist, dass an solche Aussage geglaubt werden muss, ohne eine Aussage über die genaue Art und Weise der Eigenschaften Gottes zu treffen. Gott wird in der Debatte um den dritten Aspekt zum einzigen „Eigentümer“ seiner Eigenschaften und Handlungen, so dass auch hier der Aspekt der Einzigkeit Gottes hervortritt.

Diese Einzigkeit und deren Verehrung müssen von allen Verunreinigungen frei sein. Daraus erklärt sich die große Bedeutung der richtigen rituellen Handlungen in den salafistischen Subkulturen. Der Anspruch auf Reinheit wird in das Prinzip der Assoziation und Dissoziation (al-walā' wa'l-barā') gegossen. Von einigen salafistischen Autoren wird dieser Grundsatz „das fundamentale Prinzip der salafistischen Glaubenslehre“ genannt. Er wird koranisch begründet und als universell anwendbar verstanden. Durch die Forderung, wahre MuslimInnen hätten sich nur mit wahren MuslimInnen zu verbinden, wird jeder Kontakt mit anderen Menschen verhindert. ; Von diesen hätten sich wahre MuslimInnen im salafistischen Sinne fernzuhalten, da sonst eine Verunreinigung des Glaubens drohe. Weitergetrieben wird dieser Grundsatz, wenn alle nicht zur Gemeinschaft gehörenden Menschen zu Ungläubigen erklärt werden (takfīr) (auch andere SalafistInnen oder DschihadistInnen!). Verstärkt werden diese Gedanken durch die ständige Beschwörung der Höllenstrafen für nicht wahrhaft Gläubige und damit verbunden apokalyptischen Vorstellungen, in denen die Drohung mit dem Jüngsten Gericht immer den Hintergrund bildet – eine zutiefst schwarze Pädagogik.

Salafismus und Wahhabismus

Salafismus und Wahhabismus werden häufig gleichgesetzt. Lässt sich eine solche Gleichsetzung auf religiöser Ebene finden?

Der saudische Mainstreamislam, meist als Wahhabismus bezeichnet, weist Familienähnlichkeiten zum Salafismus (und auch zum Dschihadismus) auf, aber auch Unterschiede sind zu finden. Viele der genannten Elemente des Salafismus lassen sich aus Schriften und Praktiken saudisch-wahhabitischer Gelehrter ableiten, werden aber weiterentwickelt und – besonders im Falles der Dschihadismus – radikalisiert (z. B. das Prinzip der Assoziation und Dissoziation). Von salafistischer Seite gibt es aber auch religiöse Kritik am Wahhabismus. Neben der Unterstützung des saudischen Königshauses durch die saudischen Mainstreamgelehrten sind auch scheinbar geringfügige Kritikpunkte zu nennen. Es wird der Einfluss der hanbalitischen Rechtsschule des sunnitischen Islams auf die wahhabitischen Gelehrten kritisiert, da dies den Rückgriff auf den Koran und die Sunna verfälsche; der Begründer des Wahhabismus, Muhammad ibn 'Abdalwahhab, wurde kritisiert, da er sich in einer Schrift auf eine nicht vertrauenswürdige Überlieferung vom Propheten stütze; ein salafistischer Gelehrter lehnte auch den Gesichtsschleier für Frauen (andere befürworten ihn) ab, was zu seiner Ausweisung aus Saudi-Arabien führte. Das religiöse Verhältnis zwischen Salafismus und Wahhabismus lässt sich auf die Formel bringen: Sympathie in der Verbundenheit zum Geist des Wahhabismus verbunden mit Kritiken an den konkreten Formen des saudischen gelehrten Establishments.

Dschihadismus

Wenn es Familienähnlichkeiten zwischen Salafismus und Wahhabismus gibt, gibt es dann in den religiösen Lehren Unterschiede zum Dschihadismus? Was ist bei allen Ähnlichkeiten die wesentliche Differenz zwischen den religiösen Vorstellungen des Salafismus (und Wahhabismus) und denen dschihadistischer Art?

Die Eigenbezeichnungen der dschihadistischen Strömungen als salafistisch-dschihadistisch (aber auch dschihadistisch-salafistisch) verweist auf ein Unterscheidungsmerkmal: den absoluten Vorrang des militärischen Dschihad, um den herum sich alle anderen Vorstellungen gruppieren. So werden alle nominell muslimischen Herrscher als Ungläubige klassifiziert, die deswegen zu bekämpfen sind, die antischiitische Haltung, die im Falle des IS (Islamischer Staat) nur noch die Vernichtung aller SchiitInnen als möglich ansieht (es gibt auch andere dschihadistische Positionen), die Steigerung des Prinzips der Assoziation und Dissoziation bis hin zur Vernichtung all dessen, von dem man sich fernhalten sollte u.a.m.. Im Falle des IS kommt die Begründung des IS-Kalifats als die einzig wahrhaft kämpfende Kraft und damit wahrhaft gerettete Gruppe von Gläubigen hinzu.

Rüdiger LohlkerRüdiger Lohlker, Univ.-Prof. für Islamwissenschaften, Universität Wien, Österreich; Leiter des Universitätslehrgangs "Muslime in Europa", Univ. Wien; Leiter des Forschungsprojekts "Vienna Observatory for Applied Research on Extremism and Terrorism" (VORTEX), Univ. Wien; Tätigkeiten an den Universitäten Gießen, Göttingen, Kiel und der Bibliothèque Générale, Rabat, Marokko; Forschungsschwerpunkte: Geschichte des islamischen Denkens, moderne islamische Bewegungen, Islam und arabische Welt online, Dschihadismus.
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