Die radikalisierende Wirkung von extremistischer Internetpropaganda – Ergebnisse einer Experimentalstudie und Handlungsempfehlungen

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Dies ist der 14. Artikel unseres Blogfokus "Salafismus in Deutschland". Weitere Informationen gibt es hier.

von Brahim Ben Slama

Salafistische Gruppierungen sind zunehmend auch im Internet präsent. Sie nutzen wie andere extremistischen Gruppierungen die Möglichkeit, ihre Botschaften weit zu verbreiten und darüber Sympathisanten zu gewinnen. Dieses Online-Material wird mit steigendem Aufwand produziert. Doch bis vor kurzem wussten wir wenig über die genauen Wirkmechanismen dieser Propaganda und über diejenigen, die sich von ihr verführen lassen. Eine Studie im Auftrag des Bundeskriminalamts bringt hier ein wenig Licht ins Dunkel. Sie zeigt eindrücklich die Relevanz des Bildungsstands  und das damit einhergehende Selbstwertgefühl von Individuen. Aus dieser Erkenntnis lassen sich Handlungsempfehlungen für Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft ableiten.

Die experimental-psychologische Studie von Rieger et al. (2013) spürt den Wirkungsweisen extremistischer Internetpropaganda nach. Auf der Grundlage einer umfassenden Stichprobe von Studenten und Schülern wurde überprüft, inwiefern ein Zusammenhang zwischen dem Konsum extremistischer Propaganda im Internet und der positiven Beurteilung extremistischer Botschaften besteht und wie die Propaganda auf in ihrer Entwicklung unauffällige, extremismus-ferne junge Erwachsene wirkt. Nun kann man an der Studie sicherlich bemängeln, dass sie durch ihr Design den sozio-kulturellen Kontext nicht umfassend einbeziehen kann und auch Langzeitwirkungen nicht erfasst. Die zentralen Ergebnisse sind aber nichtsdestotrotz aufgrund ihrer Signifikanz sehr relevant und können das Fundament für weitere, auch qualitative Studien legen.

Die Auswertung zeigt jedenfalls, dass extremistische Internetpropaganda eher Menschen mit einem relativ niedrigen Bildungsstand anspricht (z. B. eher Berufsschüler als Studenten). Das hängt - so die Autoren - damit zusammen, dass der Bildungsstand mit einer bestimmten Ausprägung von Kontrollüberzeugung einhergeht. Mit anderen Worten: Die Überzeugung, dass die eigenen Zukunftsperspektiven vom eigenen Handeln abhängen, scheint bei Personen mit höherem Bildungsstand ausgeprägter als bei Personen mit niedrigerem Bildungsstand. Studenten haben offenbar insgesamt positivere Zukunftserwartungen als Berufsschüler und nehmen scheinbar öfter positive bzw. negative Ereignisse als Konsequenz ihres eigenen Handelns wahr (internale Kontrollüberzeugung). Berufsschüler scheinen hingegen häufiger eine externale Kontrollüberzeugung aufzuweisen: D.h. Ereignisse und (Miss-)Erfolge werden öfter als Resultat äußerer Einflüsse wahrgenommen und weniger als Ergebnis des eigenen Handelns.

Zudem unterschied sich die Gruppe der Propaganda-Anfälligen in ihrer politischen Grundeinstellung von den weniger Anfälligen: Eine rechtsorientierte politische Orientierung, die der jeweiligen extremistischen Ideologie näher steht, führt offenbar zu einer positiveren Bewertung extremistischer Propaganda. Darüber hinaus zeichnet sich diese Gruppe auch durch eine höhere Akzeptanz von Gewalt aus. Zudem zeigt sich, dass extremistische Gruppierungen mit ihrer klaren Schwarz-Weiß-Sicht vor allem die Bedürfnisse von autoritär geprägten Persönlichkeiten ansprechen.

Zusammengefasst legen die Studienergebnisse nahe, dass Menschen mit geringer Kontrollüberzeugung, relativ niedrigem Bildungsstand, die autoritäre Überzeugungen, eine höhere Gewaltakzeptanz und eine rechtsorientierte politische Einstellung aufweisen, anfälliger für Propagandabotschaften sind als andere Personen. Diese Merkmale – so die Autoren - gehen offenbar mit einem ausgeprägten Interesse an klaren Grundsätzen und dem Bedürfnis nach sicherer Orientierung einher: Hierarchie- und Machtorientierung sowie eine starke Ausrichtung an Konventionen und konservativ-fundamentalen Werten charakterisieren die Gruppe der Anfälligen und können demnach die Anziehungskraft von Propaganda auf bestimmte Personen/Gruppen erklären.

Die Ergebnisse der BKA-Studie veranschaulichen einen häufiger zu beobachtenden Trend: In einer sich immer schneller globalisierenden Welt mit ihrem technischen Fortschritt verschieben sich auch Rollenverständnisse und Identitätsverankerungen immer rascher. Extremistische Propaganda spricht offenbar vermehrt Personen, bei denen diese Entwicklungen Unbehagen und Unzufriedenheit auslösen, besonders an. Diese Beobachtung wird indirekt durch die selbsterklärte Ziele der islamistischen Ideologie bestätigt, welche in dieser Gruppe der „Unzufriedenen“ ihre primäre Zielgruppe sieht.

Welche Handlungsempfehlungen lassen sich aus den Ergebnissen der Studie von Rieger et al ableiten? Wenn Staat und Gesellschaft der extremistischen Propaganda im Internet und in der realen Welt etwas entgegen setzen wollen, dann sollten sie allem Anschein nach in erster Linie in Bildung investieren. Neben der formalen Bildung stärkt vor allem die Bildung der Persönlichkeit die Abwehrkräfte junger Menschen und ermöglicht ihnen eine kritische Rezeption extremistischer Botschaften. Extremistische Akteure sind vor allem da aktiv und erfolgreich, wo Staat und Zivilgesellschaft die entsprechenden Angebote für „anfällige“ Personen nicht in das ausreichende Maß und in der gebotenen Qualität bereithält.. Entsprechend breiten sich salafistische Szenen in Deutschland fast ausschließlich in „benachteiligten“ Randgebieten von Metropolen aus. Im Internet haben es die etablierten Akteure der Jugendarbeit und der politischen Bildung immer noch schwer, zielgruppenorientierte Angebote bereit zu stellen und effektiv zu verbreiten. Dies rasch zu ändern ist die Hauptempfehlung für die Verantwortlichen in Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft.

Quellen:

Rieger, Diana/Frischlich, Lena/Bente, Gary 2013: Propaganda 2.0: Psychological Effects of Right-Wing and Islamic Extremist Internet Videos, Köln: Luchterhand.

Brahim Ben SlamaDipl.-Psych. Brahim Ben Slama, Diplom Psychologe mit dem Schwerpunkt „Interkulturelle Psychologie“ und „Terrorismusforschung“.

Studium der Psychologie an der Universität Osnabrück mit dem Schwerpunt Arbeits- und Organisationspsychologie. Seit 2003 ist er als Trainer für interkulturellen Kommunikation tätig und seit 2005 arbeitet er beim kriminalistischen Institut des Bundeskriminalamtes und dort in der Forschungsstelle „Terrorismus und Extremismus“ in Wiesbaden als Forscher und stellvertretender Referatsleiter. Die Schwerpunkte der aktuellen Forschungsarbeiten sind: islamistisch motivierter Terrorismus, Radikalisierungsforschung, Rolle des Internet bei Radikalisierungsprozesse, Wirkungsweisen extremistischer Propaganda und counter narrative.

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