Fördern unsere Medien die Salafisten? Dynamiken, Verantwortung und Grenzen der Berichterstattung über salafistische Gruppen

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Dies ist der 19. Artikel unseres Blogfokus "Salafismus in Deutschland". Weitere Informationen gibt es hier.

von Thorsten Gerald Schneiders

Medien sind Erfüllungsgehilfen der Salafisten. Jedes Mal wenn über eine Aktion von Salafisten berichtet wird, wird die Gruppe bekannter. Berichterstattungen machen neugierig und animieren dazu, ins Internet zu gehen. Zugleich diskreditieren Medien die Muslime. Berichte über Salafismus werfen immer auch ein schlechtes Licht auf die Religion des Islam. Nur was ist die Schlussfolgerung daraus? Sollten Medien das Phänomen besser verschweigen? Wie sollte eine verantwortliche Abwägung von Medienschaffenden aussehen? Der Beitrag geht diesen Fragen nach.

Medienmacher und Medienkonsumenten sind aufeinander angewiesen: Ohne Konsumenten, keine Medienprodukte. Was niemanden interessiert, setzt sich nicht durch. Was von Interesse ist, wird dagegen bedient. Von Ausnahmen abgesehen können Medien keine Themen setzen und damit eine breite gesellschaftliche Relevanz erzwingen. Medien können aber Entwicklungen beeinflussen. Sie können Themen dramatisieren oder bagatellisieren.

Die Medienberichterstattung zum Salafismus birgt mehrere Probleme. Zum Beispiel besteht die Gefahr der Stereotypisierung bzw. der Verbreitung von Vorurteilen gegenüber Muslimen – als angeblich gewaltbereit, rückständig, starrsinnig usw. Die Verbreitung dieser Zuschreibungen geschieht durch Unwissenheit, durch persönliche Vorbehalte der Autoren gegenüber Muslimen oder auch durch strukturelle Zwänge.

Ein solcher struktureller Zwang ist die, angesichts des Überangebots von Informationen im Internet immer wichtiger gewordene, Gestaltung von Berichterstattung. Medien müssen sich stärker um Aufmerksamkeit bemühen als früher. Gab es einst eine überschaubare Anzahl etablierter Zeitungen, Radiosender und Fernsehstationen, herrscht heute ein viel härterer Wettbewerb. Insbesondere für private aber auch für öffentlich-rechtliche Angebote geht es dabei nicht zuletzt um Wirtschaftlichkeit. Das heißt: Aufmerksamkeit = Umsatz. Diese existenzielle Aufmerksamkeit erreicht man im 21. Jahrhundert selten mit purer Sachlichkeit und einer nüchternen Gestaltung des Produkts.

Mithin brauchen mediale Beiträge mehr als nur Text. Einfachste Mittel, um Texte interessanter zu machen, sind Bilder. Sie müssen interessant sein und das Thema eindeutig erkennbar machen. Die konkrete Frage, wie man Salafismus angemessen bebildert, kann sich jeder selbst einmal stellen:

Mit einer (voll-)verschleierten Frau? Das diskreditiert Frauen und Kopftuchträgerinnen. Mit einem vollbärtigen Mann in wallendem Gewand? Das diskreditiert Männer, Barträger und konservative Gläubige. Mit einem Koran? Einer Moschee? Einem Halbmond? Kalligraphien? Betenden Menschen? All das instrumentalisiert eine ganze Religion bzw. einen ganzen Kulturkreis und setzt sie in Gänze in einen negativen Kontext. In der Forschung spricht man von Sinn-Induktionen.

Ein weiteres Problem ist, dass Medienberichterstattung oft auch Werbung in dem Sinne ist, dass sie den Bekanntheitsgrad derjenigen steigert, über die berichtet wird. Die meisten dürften sich an die fünf jungen Männer um den Salafisten-Prediger Sven Lau in Wuppertal erinnern. 2014 hatten sie sich leuchtend-orangene Westen mit der Aufschrift „Sharia Police“ übergezogen. Dann sprachen sie Menschen auf der Straße, in Spielhallen oder vor Diskotheken an, um sie über ihre „unmoralische“ Lebensweise zu belehren und sie zum Salafismus „einzuladen“. Videos der Aktion stellten die „Scharia-Polizisten“ ins Internet. Nach einigen Auftritten war der Spuk wieder vorbei. Doch die Zeit reichte aus, dass sämtliche Medien das Thema aufgriffen. Fotos der Fünf gingen sogar um die Welt, Medien unter anderem aus Israel, den Vereinigten Staaten und Japan berichteten. Am Ende war die ganze Geschichte vor allem ein Riesen-PR-Coup, der den Bekanntheitsgrad der salafistischen Bewegung in Deutschland steigerte.

Schon seit längerem wird des Weiteren darüber diskutiert, ob Medien Protagonisten der salafistischen Szene als Gesprächspartner eine Bühne bieten sollten. Viele lehnen das ab, weil Menschen mit extremistischen Positionen so prominent ihre Thesen verbreiten dürften. Dennoch wurden gemäß dem Konzept, größeres Publikumsinteresse zu erzeugen, indem man extrem gegensätzliche Meinungen aufeinander prallen lässt, immer wieder Salafisten und Gäste mit deutlich entgegengesetzten Einstellungen in politische Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens eingeladen wie beispielsweise „Sabine Christiansen“ (zweimal in 2006), „Hart aber Fair“ (2007) oder „Menschen bei Maischberger“ (2006, 2012, 2014).

Freie Medienberichterstattung ist ein Fundament der Demokratie und einer freien Gesellschaft. Rechtliche Einschränkungen an dieser Stelle sind höchst sensibel und kaum möglich. Nur dort, wo die Rechte anderer verletzt werden, darf man die freie Medienberichterstattung einschränken. Der Rest muss gesellschaftlich verhandelt werden und die Umsetzung muss größtenteils durch freiwillige Selbstkontrolle erfolgen. Dazu ist Sensibilisierung und Aufklärung von Journalisten nötig.

Medien dürfen also frei über die Scharia-Polizei berichten. Sie müssen es sogar. Aber es ist ein Unterschied, ob man im Stil einer Boulevard-Zeitung wie der „Bild“ damit aufmacht oder ob man eine etwas längere Meldung ohne Fotos in der äußeren Spalte auf Seite 5 bringt, wie es die „Süddeutsche Zeitung“ getan hat.

Letztlich kam bei der Aktion niemand direkt zu Schaden. Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger stellte unmittelbar, unmissverständlich und unbestritten klar, dass niemand in Deutschland ohne Autorisierung eine Uniform anziehen und Polizei spielen dürfe. Die „Scharia-Polizei“ stellte ihr Auftreten ein. Im Grund wäre der Fall an dieser Stelle erledigt gewesen.

Doch dann setzte die eingangs erwähnte Dynamik ein. Erste Medien erkannten, dass die „Scharia-Polizei“ ein Thema ist, dass ihre Konsumenten interessiert. Einige Medienvertreter ließen sich in der Folge von der Erwägung treiben, mit dem Thema Umsatz zu machen. Andere waren überzeugt, vor gesellschaftlich derart bedeutenden Vorgängen zu stehen, dass der berufliche Auftrag sie zu einer weiteren Thematisierung verpflichte.

Journalisten versuchten mithin, das Thema fortzuschreiben. Das funktioniert am einfachsten, indem man jemanden befragt, der für das Thema oder der qua Amt von Bedeutung ist. Im Fall der„Scharia-Polizei“ wurden Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Bundesjustizminister Heiko Maas angefragt. Beide äußerten sich. Und wenn Bundesminister offiziell Stellung nehmen, steigern sie automatisch die Relevanz eines Themas. Das bedeutet, weitere Medien steigen in die Berichterstattung ein. Nehmen wir das Beispiel „Deutschlandfunk“. Bis zu der Äußerung der Bundesminister fand die „Scharia-Polizei“ in den Nachrichten des Senders nicht statt, danach sehr wohl. Schließlich äußerte sich sogar die Bundeskanzlerin zur Scharia-Polizei. Eine höhere Weihe für ein Thema kann es in Deutschland kaum geben. Vermutlich bestärkte das mediale Aufsehen auch jene Abgeordnete des Landtags in NRW, die es für erforderlich erachtet hatten, eine Aktuelle Stunde zu dem Thema zu beantragen.

Eine perfekte Berichterstattung zum Salafismus gibt es nicht – schon aufgrund der Einflüsse durch wirtschaftliche Erwägungen von Medien-Gruppen. In einer freien Demokratie kann man Medien glücklicherweise nur sehr eingeschränkt Vorschriften machen. Die Lösung des Problems kann also nur durch Aufklärung und Sensibilisierung erfolgen, die bestmöglich zur Selbstdisziplinierung im Spannungsfeld von wirtschaftlichen Interessen und moralischer Verantwortung und mithin zu einer angemessenen Berichterstattung führt – im Sinne des gesamtgesellschaftlichen Nutzens für alle Beteiligten. Wegen der in diesem Beitrag angesprochenen Dynamiken gilt das aber nicht nur für Medienvertreter, sondern gleichsam für Politiker und andere Verantwortungsträger. Und letztlich kommt auch jedem von uns als Medienkonsument eine Verantwortung zu. Diese besteht meines Erachtens primär darin, sich über die Funktions-, Arbeits- und Wirkungsweisen von Medien in unserer Mediengesellschaft zu informieren.

SchneidersThorsten Gerald Schneiders ist Politik- und Islamwissenschaftler, Publizist und Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln. Zuletzt lehrte er an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster. Er ist Herausgeber des Buchs "Salafismus in Deutschland: Ursprünge und Gefahren einer islamisch- fundamentalistischen Bewegung".
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2 Kommentare

  1. Insgesamt ein interessanter Kommentar von Herrn Schneiders, der aber aus meiner Sicht zu kurz greift. Die Quintessenz seines Artikels lautet ja, etwas vereinfacht dargestellt, „Besser wär’s, die Medien würden nicht so viel über Salafismus berichten“. Und dieser Gedanke ist ja auch nachvollziehbar, die Dynamik (mehr Berichterstattung gleich mehr Aufmerksamkeit gleich mehr Relevanz) wurde ja schön beschrieben.

    Gleichzeitig wird den Medien von Seiten der Rechten ja schon länger der Vorwurf gemacht, die dunklen Seiten von Migration und Islam zuwenig zu beachten bzw. zu verschweigen. Sofern also eine Aktion wie die der „Scharia-Polizei“ nur auf rechtspopulistischen Blogs registriert wird und die seriösen Medien das Thema nicht aufgreifen, bestärkt man diese Seite des politischen Spektrums. Darüber zu berichten, das Thema aber auf Seite 5 zu platzieren, ist sicher ein Mittelweg. Letztlich soll damit ja aber auch nur erreicht werden, dass die Meldung eine geringere Verbreitung und Aufmerksamkeit erfährt.

    Und ein großer Teil der deutschen Medien verfährt ja im Prinzip so wie von Ihnen vorgeschlagen. Die verbalen Entgleisungen eines Kölner Imams in einem russischen TV-Sender wurden international dankbar aufgegriffen, in Deutschland berichtete meines Wissens zunächst nur regionale Medien und die Bild (später auch Focus, RP Online und die Deutsche Welle).

    Schließlich kommt noch hinzu, dass die Aufmerksamkeitsökonomie ja auch von externen Faktoren beeinflusst wird. Nach den Anschlägen in Paris wäre es etwa wirklich viel verlangt gewesen, von den Medien zu erwarten, dass man den Blick nicht auch nach Deutschland richtet. Und der nächste Anschlag in Europa wird irgendwann kommen – spätestens dann ist es mit Berichten auf Seite 5 dann nicht mehr getan.

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