Panorama des Bürgerkriegs: Syrien nach dem Kalifat

von Holger Marcks

Am Ende ging es dann doch recht fix. Hatte der Islamische Staat (IS) noch im März 2017 fast die Hälfte des Territoriums in Syrien unter seiner Kontrolle, ist das Möchtegern-Kalifat mittlerweile so gut wie von der Landkarte getilgt. Das heißt zwar nicht, dass er als Terrororganisation keine Rolle in dem Land mehr spielen wird. Doch als maßgeblicher Bürgerkriegsakteur mit territorialer Basis dürfte der IS weitestgehend aus dem Spiel genommen sein. Das macht diesen verworrenen Bürgerkrieg zunächst einmal ein wenig übersichtlicher. Andererseits wird damit aber auch der Vorhang für das nächste Kapitel geöffnet, das neue Wirrungen verspricht. Denn schließlich waren wegen des Kampfes gegen den IS einige Konfliktlinien erkaltet. Diese könnten nun wieder heiß werden.

Gebiete unter der Kontrolle der verschiedenen Kriegsfraktionen im März und November 2017 (Quelle: syriancivilwarmap.com).

Allerdings lässt sich aufgrund der vielschichtigen Konstellationen nur schwer einschätzen, welche Dynamiken daraus erwachsen dürften. Der folgende Beitrag soll daher einen Überblick über die vergangenen und neuesten Entwicklungen im Syrischen Bürgerkrieg geben, um zumindest den Ist-Stand ermessen zu können. Die Anfertigung eines solchen Panoramas ist jedoch, zugegeben, eine kleine Herausforderung. Denn aufgrund der zahlreichen Konfliktparteien und multiplen Fronten sind die Entwicklungen derart konfus, dass sie sich nicht so einfach chronologisch zusammenfassen lassen. Der Beitrag stellt daher die jeweiligen Akteursgruppen und Allianzen dar und versucht, deren (ambivalenten) Verhältnisse untereinander zu sortieren und aufzuschlüsseln.

1. Phoenix aus der Asche: Das kurdische Aufbäumen gegen den IS

Als wesentlicher Wendepunkt im Syrischen Bürgerkrieg und insbesondere im Kampf gegen den IS gilt zweifellos die Schlacht um Kobanê, die im September 2014 ihren Anfang nahm. Der IS stand damals im Zenit seiner Macht, nachdem er im Handstreich – vor allem dank eines ungewohnt draufgängerischen Vorrückens, das seine Gegner in Panik versetzte – große Teile Syriens und des Irak eingenommen hatte. Nun war er im Begriff, auch die im Norden Syriens angesiedelten kurdischen Kräfte zu überrennen, die sich im Zuge des Bürgerkriegs vom syrischen Regime abgenabelt und Ende 2013 für autonom erklärt hatten. Innerhalb weniger Wochen gelang es ihm, den Kanton Kobanê einzunehmen und den gleichnamigen Hauptort an der türkischen Grenze einzukesseln.

Bis Ende Oktober waren die kurdischen Selbstverteidigungseinheiten der YPG/YPJ auf den nordwestlichen Teil der Grenzstadt zurückgedrängt und liefen Gefahr, den verbliebenen Grenzübergang zur Türkei zu verlieren. Die türkische Regierung sah dem Treiben nicht nur zu, sondern verhinderte gar aktiv die Unterstützung der eingekesselten kurdischen Einheiten. Lediglich einem kleinen Kontingent von Peschmerga-Kämpfern aus kurdischen Autonomiegebieten im Nordirak wurde die Entsendung in die eingekesselte Stadt gewährt. Mit deren Unterstützung und insbesondere durch amerikanische Luftschläge gegen den IS gelang es den Kurden dennoch, die Front zunächst zu stabilisieren und ab November den Belagerungsring gar Haus für Haus zurückzudrängen.

Vormarsch des IS auf Kobanê; die gelb markierte Fläche markiert dem im Oktober 2014 gerade noch von den Kurden gehaltenen Grenzstreifen (Quelle: Wikipedia).

Ende Januar 2015 konnten die kurdischen Kräfte dann die Befreiung der mittlerweile völlig zerstörten Stadt erklären. Mit Unterstützung der US-Luftwaffe schickten sie sich dann an, den Kanton zurückzuerobern, was bis Mitte 2015 erreicht werden konnte. Zugleich gelang es ihnen, den IS insgesamt aus dem Norden zurückzudrängen, so dass die zuvor isolierten Kantone von Kobanê und Cizîrê über Tall Abyaḍ miteinander verbunden werden konnten. Strategisch wichtig waren schließlich auch der Sieg in der Schlacht um Ṣarrīn (von März bis Juli 2015), wo der IS unter Führung seines mittlerweile toten Kriegsministers, Abū ʿUmar aš-Šīšānī, hartnäckigen Widerstand leistete, um seine Euphrat-Linie zu halten, und die darauf, im Dezember folgende Einnahme der Tišrīn-Talsperre weiter südlich.

Die kurdische Gegenoffensive im Januar, März, Juni und August 2015 (Quelle: Agathocle de Syracuse).

Ende 2015 überquerten dann kurdische Truppen den Euphrat gen Westen, trotz aller Warnung der Türkei, diese „rote Linie“ nicht zu überschreiten. Dort errichteten sie einen Brückenkopf und rückten ab Ende Mai 2016 weiter vor, um die Stadt Manbiǧ und ihre Umgegend einzunehmen. Zudem waren bereits im Februar kurdische Einheiten aus dem westlichsten, nach wie vor isolierten Kanton Efrînê nach Osten ausgebrochen. Im Fahrwasser der Regierungsoffensive um Ḥalab (Aleppo) nahmen sie Rebellengruppen – vorwiegend islamistischen – das Gebiet um Tall Rifʿat ab und bewegten sich ebenso in Richtung Manbiǧ. Im Sommer 2016 machte es so den Anschein, als könnten die Kurden alle ihre Kantone miteinander verbinden. Eben das rief die Türkei auf den Plan (siehe Abschnitt 3).

Versuch der kurdischen Kräfte (gelb), die Kantone Efrînê und Kobanê miteinander durch Vorstoß in das Gebiet des IS (schwarz) und syrischer Rebellengruppen (grün) zu verbinden (Quelle: liveuamap.com).

2. Vormarsch mit Anschub: Das syrische Regime und seine Verbündeten

Im Sommer 2015 ging das Regime von Baššār Ḥāfiẓ al-Asad am Krückstock. Zwar hatte es die Rebellen im Nordosten und Südwesten einigermaßen in Schach halten können, doch durch die Expansion des IS vom Osten her beschränkte sich seine Herrschaft auf den Weststreifen Syriens sowie Teile der Aleppo-Region. Zusammengehalten wurde das zerklüftete Herrschaftsgebiet teilweise nur durch einzelne Verbindungsrouten. Da zudem die Stärke der syrischen Armee von 300.000 auf unter 100.000 Mann gesunken war, konnte dieses nur durch die Hilfe von iranischen Revolutionsbrigaden, schiitischen Söldnern aus dem Irak und der libanesischen Ḥizbullāh aufrechterhalten werden. Ein möglicher Zusammenbruch wurde dann vor allem durch die russische Intervention im September 2015 verhindert.

Vom syrischen Regime kontrolliertes Territorium vor der russischen Militärintervention im September 2015 (Quelle: liveuamap.com).

Russland schickte von da an die russische Luftwaffe in den Kampfeinsatz auf al-Asads Seite. Deren Angriffe richteten sich zunächst weniger gegen den IS, sondern trafen vor allem die Rebellengruppen. Auf diese Weise konnte sich das Regime zunehmend stabilisieren. Ein Meilenstein war dabei die im Februar 2016 einsetzende Offensive um Aleppo. Dabei gelang es der Armee im Juli, den Ring um den von Rebellen gehaltenen Ostteil der Stadt zu schließen. Der wurde zwischenzeitlich zwar wieder durchbrochen, bis Dezember konnte das Regime jedoch die vollständige Einnahme der so lange umkämpften Stadt melden. Zugleich hatte man mit der Aleppo-Offensive auch die Rebellen nördlich bei Aʿzāz von deren Hauptgebiet in der Region um Idlib abschneiden können.

Schlacht um Ḥalab (Aleppo), von Februar bis Dezember 2016 (Quelle: liveuamap.com).

Das Verhältnis des Regimes zu den Kurden, die sich die Aleppo-Offensive für den Ausbruch aus Efrînê zunutze machten (siehe Abschnitt 1), ist wiederum ambivalent. Unter Letzteren dominieren sozialistisch-demokratische Kräfte, die im Bürgerkrieg die Gelegenheit sahen, mit dem Regime zu brechen. Andererseits scheuten sie, die sowohl im Kampf mit dem IS stehen als auch eine türkische Aggression befürchten müssen, einen offenen Konflikt mit al-Asad, so wie auch dieser sich zunächst auf den IS und die Rebellen konzentrieren wollte. Abgesehen von gelegentlichen Gefechten – etwa in Qamişlo und  Hesîçe, wo das Regime Enklaven hält –, versuchen daher beide Seiten, die Füße still zu halten, und tolerieren sich oftmals zähneknirschend (so auch das Regime den kurdischen Distrikt Şêxmeqsûd in Aleppo).

Kompliziert wird das Verhältnis auch durch den Faktor Russland. Denn angewiesen auf äußere Unterstützung (auch als Schutz gegenüber der Türkei), sind es die Kurden, über die sich die US-Konkurrenz Einfluss in Syrien sichert. Und da zugleich das Verhältnis Russlands zur Türkei ungeklärt ist – einerseits ließe sich mit einer Zusammenarbeit Unruhe in der NATO stiften, andererseits will al-Asad keinen weiteren türkischen Einfluss –, wirkt der Umgang mit den Kurden etwas schizophren. Während man deren territoriale Konsolidierung weitestgehend toleriert und sich zuweilen sogar schützend zwischen sie und die Türkei stellt, liefert man sich andererseits ein Wettrennen um die IS-Gebiete, bei dem es zu abtastenden Auseinandersetzungen kommt (siehe Abschnitt 5).

3. Reingegrätscht: Die türkische Militärintervention in Nordsyrien

Lange hatte die Türkei dem Treiben des IS zugesehen und sogar die Einreise von Kämpfern in das Kalifat geduldet. Im August 2016 sollte sich das ändern. Nicht etwa, weil man die Geduld mit dem IS verlor, sondern weil sich die Kurden anschickten, ihre Gebiete weiter miteinander zu verbinden (siehe Abschnitt 1). Die Türkei reagierte darauf mit der Operation „Schutzschild Euphrat“, einer 8.000 Soldaten umfassenden Allianz mit islamistischen Rebellengruppen, die in das IS-Gebiet zwischen den kurdischen Kantonen Efrînê und Kobanê einrückte. Offiziell fungierte die Operation zur Bekämpfung des Terrors; dass es aber eigentlich um die Zurückdrängung des kurdischen Einflusses ging und dafür wohl oder übel auch der IS attackiert werden musste, daraus machte die türkische Regierung keinen Hehl.

Die Intervention brachte vor allem die USA in eine Bredouille, gab die Türkei doch vor, hier in Absprache mit ihnen zu handeln. Schnell folgten Kommentare, wonach die USA ihren kurdischen Verbündeten fallen ließen. Doch das türkische Narrativ entpuppte sich als falsch; die USA blieben fest an der Seite der Kurden, mussten aber diplomatisch kräftig rudern. Dabei betonten sie, dass es sich bei den Truppen in und um Manbiǧ vor allem um nicht-kurdische Kräfte handele, mit denen die kurdische YPG/YPJ sich mittlerweile im Bündnis der Syrian Democratic Forces (SDF) zusammengeschlossen hatten. Zur Sicherheit platzierte man schließlich noch amerikanische Einheiten als Puffer zwischen den SDF-Kräften und der türkischen Allianz, die sich zwischenzeitlich Gefechte geliefert hatten.

Zwar versuchten die Kurden sich noch zaghaft in einem Wettrennen um das fragliche Gebiet, mussten aber zusehen, wie die türkische Allianz auf al-Bāb vorrückte und mit dessen Einnahme im Februar 2017 eine Vereinigung der kurdischen Kantone blockierte. Gleichzeitig rückte aber von Süden das mittlerweile stabilisierte Regime al-Asads gegen den IS vor und schnitt so der Türkei den Weg in die Tiefe des syrischen Territoriums ab. Im März erklärte diese schließlich die Operation für beendet, hat indessen aber deutlich gemacht, dass sie mit einer längeren Besatzung plant. Dass Ankara für die Besatzungszone einen Provinzgouverneur ernannt hat und dort zunehmend die türkische Sprache einführt, befeuert zudem Spekulationen, sie solle zur 82. Provinz der Türkei gemacht werden.

Die türkische Militärintervention in Nordsyrien, von August 2016 bis März 2017 (Quelle: liveuamap.com).

Abgeschlossen waren die Militäraktionen damit keineswegs. Immer wieder kam und kommt es zu Scharmützeln zwischen der türkischen Allianz und kurdischen Kräften, insbesondere bei Tall Rifʿat und Aʿzāz. Gleichzeitig stehen türkische Drohungen, in Efrînê oder Kobanê einzumarschieren, auf der Wochenordnung. Zudem starte die Türkei im Oktober eine weitere Militäroperation in Kooperation mit islamistischen Rebellengruppen (siehe Abschnitt 4), diesmal in der Region um Idlib, um, so folgern Experten, den Kanton Efrînê weiter in die Zange zu nehmen. Die zunehmende Militärpräsenz dort rechtfertigte Staatspräsident Erdoğan damit, dass man „kein neues Kobane“ wolle. Für den aufmerksamen Beobachter mag das verstörend klingen, steht Kobanê doch für den Sieg über den IS.

Türkische Militärpräsenz (hellblau) im Osten und im Süden des kurdischen Kantons Efrînê (Quelle: syriancivilwarmap.com).

4. Bürgerkrieg im Bürgerkrieg: Der Kosmos der syrischen Rebellengruppen

Die Liste an Rebellengruppen in Syrien ist schier unüberschaubar, so dass von den Rebellen eigentlich keine Rede sein kann. Häufig genannt wird nach wie vor die Free Syrian Army (FSA), einst der Inbegriff des demokratischen Widerstands gegen al-Asad. Bis heute hat sie jedoch stark an Bedeutung verloren; außerdem haben in ihr Islamisten zunehmend Einfluss gewonnen. Daneben existieren zahlreiche dschihadistische Gruppen, die sich in immer neuen Allianzen wiederfinden und sich zuweilen gegenseitig bekämpfen. Zwar waren die meisten dieser Gruppen länger im Bündnis Ǧaiš al-Fatḥ zusammengeschlossen, doch bestand dieses fast nur auf dem Papier, weil keine gemeinsamen Entscheidungsstrukturen existierten und die inneren Verhältnisse von Konkurrenz und Misstrauen geprägt waren.

Zwischenzeitlich schienen die Bemühungen ernst, diesen Zustand zu beenden. Als es den Rebellengruppen im Sommer 2016 gelang, den Belagerungsring um Aleppo zu durchbrechen (siehe Abschnitt 2), schienen die Pläne für eine Fusion beflügelt. Die endgültige Niederlage in der Stadt führte jedoch zu Spannungen. Insbesondere der Aḥrār aš-Šām (AŠ) wurde vorgeworfen, mit ihrer Beteiligung an der türkischen Operation in Nordsyrien (siehe Abschnitt 3) wichtige Ressourcen abgezogen zu haben. Überhaupt ist eine solche Beteiligung im dschihadistischen Lager umstritten, weil die Türkei keinen Gottesstaat anstrebe. Spätestens mit der gelegentlichen Unterstützung der Operation durch die russische Luftwaffe – die ja mit al-Asad gegen die Rebellen kämpft –, war der Einsatz der AŠ bei vielen in Verruf geraten.

Anfang 2017 brachen dann in der Region um Idlib offene Kämpfe unter den Dschihadisten aus, die sich als kleiner „Bürgerkrieg im Bürgerkrieg“ bezeichnen lassen. In diesem Prozess lichtete sich dann das Organisationswirrwarr, da sich die Gruppen in zwei wesentliche Lager teilten. Auf der einen Seite schlossen sich rund 20 Gruppen der AŠ an, auf der anderen eine ähnliche Anzahl der Fatḥ aš-Šām, dem Nachfolger der Ǧabhat an-Nuṣra, ihres Zeichens einst der syrische Ableger von al-Qāʿida. Dieses Bündnis firmiert indessen unter dem Namen Taḥrīr aš-Šām (TŠ). Die AŠ wurden noch im Herbst auf etwa 20.000, die TŠ auf etwa 30.000 Kämpfer geschätzt. Zwar klangen die Kämpfe schnell wieder ab, doch noch immer kommt es zu kleineren Auseinandersetzungen zwischen den Lagern.

Die Region um Idlib (sowie nördlich von Ḥimṣ), wo die Taḥrīr aš-Šām (weiß) mit den Aḥrār aš-Šām und anderen Rebellengruppen (grün) konkurriert (Quelle: wikimedia.org).

In Grenzen hielten sich länger auch die Kämpfe zwischen Rebellen und Regime, einer ab Dezember 2016 wiederholt verhandelten Waffenruhe folgend. Jedoch haben sie zuletzt, wo der IS fast besiegt ist, auch in vereinbarten Deeskalationszonen wieder zugenommen. Ohnehin ausgenommen von den Abmachungen – vermittelt von Russland, dem Iran und der Türkei –, war die TŠ, zuletzt die dominierende Rebellengruppe. Sie soll nun auch durch den Einmarsch der Türkei (siehe Abschnitt 3), der offiziell der Einrichtung einer weiteren Deeskalationszone dient – so die Abmachung in Astana –, vertrieben werden. Tatsächlich scheint sie gerade an Einfluss zu verlieren, da sich manche Gruppen unter dem Eindruck der Idlib-Operation (in Kooperation mit den AŠ) wieder abzuspalten begannen.

5. Niedergekämpft von SDF und SAA: Der Islamische Staat verschwindet

Seit dem Wendepunkt von Kobanê haben die kurdischen Kräfte nicht nur zunehmend ihr Territorium konsolidiert, sondern auch ein multiethnisches Bündnis geschmiedet. Auf politischer Ebene findet dies seinen Ausdruck in der Demokratischen Föderation Nordsyrien (DFN), die im März 2016 ausgerufen wurde, auf militärischer in den schon erwähnten SDF, die bereits im Oktober 2015 gegründet wurden. Sie umfassen neben den kurdischen Selbstverteidigungseinheiten auch turkmenische, sunnitisch-arabische und assyrisch-aramäische Kräfte. Gegenwärtig wird die Stärke ihrer Milizen auf 60.000 bis 80.000 Kämpfer und Kämpferinnen geschätzt. Sie trugen zweifellos die Hauptlast im Kampf gegen den IS, dem sie fast alle Gebiete nördlich bzw. östlich des Euphrats abnahmen.

Als wohl wichtigste Etappe gilt die Schlacht um ar-Raqqa von November 2016 bis Oktober 2017. Sie stand mehrfach auf der Kippe, weil die kurdischen Kräfte eine türkische Invasion befürchteten und daher ihre Truppen nicht im Hinterland binden wollten. Letztlich wurde die von der Kommandeurin Rojda Felat geleitete Operation „Zorn des Euphrats“ – gedeckt von alliierten Luftschlägen und US-Spezialeinheiten – erfolgreich durchgeführt, wobei die geschätzten 5.000 IS-Kämpfer in der Stadt auch durch ein spektakuläres Landungsmanöver südlich des Euphrats in die Zange genommen wurden. Gegenwärtig bringen die SDF noch die Operation „Gewittersturm“ zu Ende, wobei sie bereits den Großteil des ölreichen Ostteils der Region Dair az-Zaur eingenommen haben.

Schlacht um ar-Raqqa, die inoffizielle Hauptstadt des IS, von November 2016 bis Oktober 2017 (Quelle: liveuamap.com).

Simultan rückte auch die syrische Armee (SAA) – unter russischer Luftunterstützung – gegen den IS auf der anderen Euphrat-Seite vor und erreichte im September die lange belagerte Stadt Dair az-Zaur, deren vollständige Einnahme Anfang November verkündet werden konnte. Damit bleiben dem IS nur noch wenige Städte am Euphrat – und sonst Wüste. Gerade erst sind das Regime und seine Verbündeten in al-Būkamāl nahe der Südgrenze zum Irak einmarschiert, der letzten strategisch wichtigen Stadt, in deren Umgegend sich viele foreign fighters des IS zusammengezogen haben sollen. Insgesamt wirkte das bisherige Vorrücken der SAA wie ein Wettlauf mit den SDF um die Gebiete des zusammenbrechenden Kalifats. Dabei kam man sich auch schon ins Gehege, so bei ar-Raqqa und Dair az-Zaur, als Einheiten Gebiete auf der Euphrat-Seite des jeweils anderen besetzten – Einsatz der Luftwaffen inklusive.

Schlacht um Dair az-Zaur – vom IS seit 2013 teilbesetzt und belagert – von September bis November 2017 (Quelle: liveuamap.com).

Der IS ist jedenfalls fast von der Landkarte Syriens (und des Irak) getilgt. Der einst immense Quasi-Staat mit bis zu 80.000 Kämpfern soll nur noch über wenige tausend Verteidiger in der verbleibenden Euphrat-Gegend verfügen. Noch im März kontrollierte er über 80.000 km² in Syrien, nun weniger als 10.000, während SDF (ca. 50.000) und SAA (ca. 100.000) rund drei Viertel des Landes kontrollieren. Ansonsten beschränkt sich der IS in Syrien nunmehr auf kleine Enklaven, darunter Teile des Palästinenser-Camps Yarmūk bei Damaskus und ein Grenzstreifen bei den Golan-Höhen, kontrolliert von einer affiliierten Organisation. Das Schicksal des „Kalifen“ Abū Bakr al-Baġdādī ist weiter unklar. Manche halten ihn für tot, andere vermuteten ihn zuletzt im umkämpften al-Būkamāl.

Die Frontentwicklung insgesamt in Syrien von März 2017 bis heute (Quelle: liveuamap.com).

6. Alles bleibt komplex: Die Unberechenbarkeit und das Bismarck-Szenario

Soweit hat der Beitrag einen groben Überblick über die Entwicklungen in Syrien geboten, wobei er sich auf die militärischen beschränkte. Natürlich werden diese vollends nur vor dem Hintergrund der politischen Ebene verständlich – etwa was die Ideologien, Ziele, Organisationsstrukturen und auch inneren Differenzen der jeweiligen Lager sind –, doch musste diese hier ausgespart werden. Zugleich musste auch auf militärischer Ebene einiges vernachlässigt werden, wie etwa die Situation im Südwesten, der weitestgehend deeskaliert ist; die nebulöse, einst von den USA aufgebaute Revolutionary Commando Army an der jordanischen Grenze; sowie das komplizierte Verhältnis dschihadistischer Gruppen zum IS, die sich ideologisch relativ nahestehen, aber dennoch spinnefeind sind.

Dennoch dürfte deutlich geworden sein, dass die Bezeichnung „Bürgerkrieg“ für die Situation in Syrien schon länger irreführend ist. Denn durch die Beteiligung mehrerer externer Akteure, handelt es sich – zumindest auch – um einen internationalen Konflikt. Oder besser gesagt: einen Cluster desselbigen. Er erinnert ein wenig an die Wirren des Dreißigjährigen Kriegs, und wie dieser könnte er weitere Phasen mit wechselnden Konstellationen durchlaufen. Oder auch nicht. Denn in Sachen Prognose kommen hier alle Experten ins Schwitzen. Wegen der komplexen und widersprüchlichen Bündnis- und Gegnerstruktur sind nämlich (fast) alle Konfliktakteure zum ständigen Taktieren gezwungen. Wirklich berechenbar scheint allenfalls der IS, der sich schlichtweg mit allen im Krieg befindet.

Während in „gewöhnlichen“ Konflikten zwar nicht die konkreten Militäraktionen, so doch aber die kriegspolitischen Szenarien einigermaßen einschätzbar sind, macht die Interdependenz der Konfliktparteien in Syrien jede Entwicklungsprognose zur Lotterie. Denn während ein Verhältnis zweier Akteure für sich genommen eine gewisse Entwicklung als wahrscheinlich erscheinen lässt, relativiert sich dies, sobald in die Rechnung einbezogen wird, wie sich eine oder weitere Konfliktparteien wiederum zu dieser Entwicklung verhalten könnten. Eben das ist ja auch das Problem, vor dem die Akteure selbst stehen: Ein günstig erscheinender Zug gegenüber einem Gegner mag in diesem komplexen Organismus unberechenbare Kettenreaktionen auslösen, die dann negativ zurückschlagen.

Damit ist zugleich ein mögliches Szenario angezeigt: Aufgrund ihrer Verflechtungen neutralisieren sich die Konfliktakteure weitestgehend. Das Bismarck-Szenario sozusagen. Hierin würde der Krieg weitestgehend einschlafen und um finale Gebietstransfers gefeilscht werden. Denkbar wäre das zumindest zwischen den beiden großen Lagern: dem Regime und der kurdisch-dominierten DFN. Unwahrscheinlich scheint hingegen, dass sich das Regime mit dem von islamistischen Rebellen zerklüfteten Territorium zufriedengibt. Hier kommt die Türkei ins Spiel, die bei denen ja einen Fuß in der Tür hat und diesen kaum ohne Gegenleistung rausziehen wird. Und bekanntlich ist für diese ein kurdischer oder kurdisch-dominierter Staat in Nordsyrien das größte außenpolitische No-Go.

Potentielle Verhandlungsmasse: Gebietseroberungen von SDF und SAA auf der Euphrat-Seite des jeweiligen anderen (Quelle: liveuamap.com).

7. Die Transformation des Kriegs: Szenarien der weiteren Eskalation

Dass der Krieg endgültig einen ganz anderen Charakter annehmen könnte, hat viel mit den kurdischen Kräften zu tun, die den „Demokratischen Konföderalismus“ verfolgen. Obgleich sich jenes libertär-kommunistische Konzept des späten Abdullah Öcalan vom Stalinismus der früheren PKK abhebt, scheint das Bündnis mit den USA ideologisch quer zu liegen. Beide Seiten benötigen jedoch einander. Die einen, weil sie eine längere Präsenz in Syrien planen, die anderen, weil sie eine Art Schutzmacht benötigen. In kleinerem Maße gilt das auch für das kurdische Verhältnis zu Moskau. Obwohl Widersacher des eigenen Protektors und selbst Protektor al-Asads, gegen den man sich ja einst erhoben hat, flirtet man mit den Russen, in der Hoffnung, diese könnten mäßigend auf die Türkei wirken.

Die Demokratische Föderation Nordsyrien, auch bekannt als „Rojava“: Ziel ist laut Charta ein „dezentrales System föderalen Regierens in Syrien“, basierend auf selbstverwalteten Kantonen.

Bisher ging die Rechnung auf, doch wird befürchtet, die Interessen der Kurden könnten einem Deal mit der Türkei zum Opfer fallen. So wird spekuliert, diese könnte ihren Einfluss auf die Rebellen in Idlib geltend machen, damit die Region in das Regime re-integriert wird – und erhalte im Gegenzug freie Hand zumindest in Efrînê. Die Kurden müssten sich demnach mit den Gebieten östlich des Euphrats begnügen. Doch würden die Kurden wirklich den Kanton opfern? Und wie verhalten sich die USA bei einem offenen Konflikt mit der Türkei? Für die Regimeseite ist dieses Ausspiel-Szenario durchaus verlockend, da ein Fallenlassen der Kurden durch die USA oder gar deren Verwicklung in solch einen Konflikt mittelfristig wieder den Zugriff auf Nordsyrien erleichtern könnten.

Bliebe noch die Möglichkeit, dass die Regimeseite und die SDF auf breiter Front in Konflikt geraten. Einerseits erklären Regime und Russland, der Krieg sei fast vorbei, es seien nur noch „vereinzelte Schlachten“ zu schlagen – was eine Akzeptanz der DFN nahelegt –, doch noch im selben Atemzug bekräftigen Vertreter des Regimes, man werde sich ganz Syrien zurückholen und die SDF samt US-Verbündeten bekämpfen. Kleinere militärische Auseinandersetzungen gab es ja bereits (siehe Abschnitt 5). Zudem wurde zuletzt der Ton nochmals verschärft und von Seiten Russlands die US-Präsenz in Syrien als völkerrechtswidrig verurteilt. Dieses Ums-Ganze-Szenario hätte selbstredend internationale Sprengkraft. Eben das macht es zugleich auch unwahrscheinlich.

Als wäre das alles nicht schon vertrackt genug, müssen weitere externe Faktoren in Betracht gezogen werden, etwa ein türkischer Alleingang gegenüber der DFN. Vor allem aber sollte nicht ignoriert werden, dass sich in den Wirren des Kriegs der Iran mit seinen Brigaden und von ihm kontrollierten Milizen unentbehrlich gemacht hat. Und da ihm Ähnliches auch im Irak gelang, verfügt er nun fast schon über eine direkte Verbindung zur verbündeten Ḥizbullāh. Henry Kissinger sprach neulich schon von einem „Imperium Iran“, das da klammheimlich etabliert wird und vor die Haustüre Israels reicht. Dieses hatte vor der Konsolidierung eines solchen „schiitischen Halbmonds“ immer wieder gewarnt -  und könnte sich womöglich zum Handeln gezwungen sehen.

Holger Marcks studierte Islamwissenschaft, Neuere Geschichte und Soziologie an der Freien Universität Berlin. Seit 2013 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für „Internationale Organisationen“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo er in dem DFG-geförderten Projekt „Transnationale Eskalationsmechanismen gewaltsamer Dissidenz“ forscht. Auf dem SiPo-Blog veröffentlichte er bereits: „From Resistance to Rule: Islamic State’s Order of Violence“ (hier); „Das Yin und Yang des Terrors: Warum sich Rechtspopulismus und Dschihadismus so gut ergänzen – und welche Rolle die Medien dabei spielen“ (hier); sowie „Don’t Call Me Right! The Strategy of Normalization in German Right-Wing Extremism” (hier).

 

2 Kommentare

  1. Sehr interessanter Beitrag, vielen Dank dafür!

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